Neue Rolle: Uwe Ittner in seinem Salon Patrice in Dachau. - © dpa
Neue Rolle: Uwe Ittner in seinem Salon Patrice in Dachau. | © dpa

Kopf der Woche Wie aus einem Polizisten ein Bordellbetreiber wurde

Uwe Ittner hat seine Geschichte aufgeschrieben / nw.de sprach mit ihm

Uwe Ittner ging mit 18 Jahren zur Polizei, weil er die Welt ein Stückchen besser machen wollte. Dass er später einmal ein Bordell betreiben sollte, hätte der heute 55-Jährige damals nie gedacht. Was trieb den Münchener vom Blaulicht ins Rotlicht? Das verrät er in seinem Buch. Und im persönlichen Gespräch. Vom Tellerwäscher zum Millionär, so lautet der amerikanische Traum. In ihm steckt die Hoffnung von Millionen Menschen, durch Veränderungen und harte Arbeit etwas an ihrem Leben ändern zu können. Uwe Ittner hatte diesen Traum nie. Und doch sollte er sein Glück erst nach einer extremen Veränderung finden. Ausgerechnet als Bordellbetreiber. Und das, nachdem Ittner über 25 Jahre als Polizist in Bayern tätig war. Wie kam es aber dazu, dass der Mann aus München seine Ideale verriet? „Ich habe sie nie verraten", sagt Ittner. Seine sonst eher ruhige Stimme mit bayerisch-österreichischem Dialekt wird schärfer und energischer. „Dinge wie Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft und mein Gerechtigkeitssinn zählen für mich bis heute, vielleicht sogar mehr denn je." Die Worte klingen komisch, schließlich war Ittner mal Polizist. Sollten da die genannten menschlichen Eigenschaften nicht stärker gelten, als irgendwo sonst? „Schön wäre es. Aber ich muss leider sagen, dass das System bei der Polizei mich – und auch viele Kollegen – eher daran gehindert hat, unsere Ideale zu leben. Viele sind daran verzweifelt, einige sogar zerbrochen." Pure Verbitterung, die da aus Ittners Stimme klingt. Aber wie konnte es soweit kommen? Was hat den einstigen Polizei-Musterschüler so werden lassen? Um das zu verstehen, muss man tief in das frühere Leben von Uwe Ittner, der heute 55 Jahre alt ist, eintauchen. "Als Polizist bist du der Mülleimer" Alles begann in München in den 80er Jahren. Uwe Ittner ist jung und träumt davon, Polizist zu werden. „Ich war damals wirklich ziemlich naiv", sagt Ittner heute. Ein Freund und Helfer habe er sein wollen, „aber die Realität im Dienst sah dann ganz anders aus." Besonders schlimm war für ihn, immer nur mit Problemen und negativen Erlebnissen anderer zu tun zu haben. „Als Polizist bist du der Mülleimer, das habe ich früh gemerkt, aber keine Schlüsse daraus gezogen." Im Gegenteil. Nach den Anfängen als Streifenpolizist macht Ittner im Polizeidienst ordentlich Karriere. Schon wenige Jahre nach Dienstbeginn wechselt er in die zivile Einsatzgruppe. Gemeinsam mit einem Kollegen darf er die Uniform abstreifen und in Alltagskleidung auf Verbrecherjagd gehen. Noch suchen sie nach den eher kleinen Fischen, die München unsicher machen. „Wir machten Jagd auf Einbrecher, Handtaschenräuber oder Dealer", sagt Ittner. Damals geht er gerne zur Arbeit. Er sieht einen Sinn in seinem Tun. Dann sollte der nächste Karriereschritt folgen – ein fataler. Uwe Ittner wird gefragt, ob er als verdeckter Ermittler gegen die organisierte Kriminalität, auch im Rotlicht-Milieu, kämpfen möchte. „Man traute mir das damals offensichtlich zu, wegen meines Engagements, aber auch wegen meiner Optik, denke ich." Ittner, ein sportlicher junger Mann, ließ sich problemlos in einen Lebemann verwandeln. „Nach einiger Überlegung habe ich entschieden, mich an der Aufgabe ausprobieren zu wollen." Ein mutiger Schritt, denn verdeckte Ermittlungen steckten damals noch in den Kinderschuhen. „Das hätte mir damals schon auffallen müssen, dass wir viel zu unvorbereitet an die Sache herangegangen sind." Was Ittner meint ist, dass er zwar eine einen anderen Namen, einen zweiten Personalausweis und eine zweite Wohnung von der Polizei bekam, er aber schon Jahre in München Streife gelaufen ist. Also genau dort, wo er jetzt verdeckt im Rotlicht-Milieu, Kneipen und zwielichtigen Etablissements ermitteln soll. „Mich hätte so leicht jemand erkennen können, unglaublich eigentlich, wenn ich da heute so drüber nachdenke." Damals aber dachte Ittner nicht nach, sondern stürzte sich ohne große Vorbereitungen in den Dienst. Und damit in ein Abenteuer, das ihn für immer verändern sollte. Die Aufgabe, die Ittner erfüllen sollte, war klar: Er sollte herausfinden, wer im Milieu mit wem Geschäfte macht und wer welche Kontakte hat. Zudem sollte er V-Leute anwerben. „Um das zu schaffen, musste ich mein komplettes Leben auf den Kopf stellen", sagt Ittner. Schon die Arbeitszeiten änderten sich dauerhaft, Ittner muss nun meist nachts arbeiten. „Das war wirklich eine üble Zeit. Die ganze Nacht habe ich mit Menschen rumgehangen, mit denen ich eigentlich nie etwas zu tun haben wollte." Und, um sich in der Szene durchzusetzen, durfte Ittner nicht nur rumhängen. „Jede Nacht haben wir gesoffen." Wirklich nur das? Wenn man Filmen und Serien glaubt, dürften im Rotlicht-Milieu auch noch ganz andere Substanzen im Umlauf sein. „Hartes Zeug habe ich nie genommen, aber ab und zu einen Joint musste man leider rauchen. Gott sei Dank habe ich das nicht vertragen, weshalb ich glaubhaft verzichten konnte." Welten verschwammen Doch das verlotterte Nachtleben verändert Ittners normales Leben auch ohne Drogenkonsum. Immer stärker verschwimmen seine Welten. Immer weniger kann Ittner trennen, ob er gerade seine Rolle im Milieu spielt oder sein normales Leben führt. „Ich habe immer häufiger Teile dieser verkommenen Welt mit nach Hause genommen", sagt Ittner. Ihm selbst fällt das kaum auf, wohl aber seiner Lebensgefährtin und seinen Freunden. „Sie fragten mich, was ich eigentlich für einen Ton am Leib hätte. Meine ganze Sprache war viel derber, ich habe dauernd Schimpfworte benutzt – ohne es zu merken." Doch einfach aufhören mit seinen neuen Verhaltensweisen kann Ittner nicht. Schließlich muss er nachts wieder ins Milieu. Und da darf er nicht auffallen. „Die Sorge, dass das passiert, hat mich permanent begleitet." Verständlich, denn sein Umgang ist nicht gerade von der zimperlichen Art. „Da waren Zuhälter, die jeden Tag im Fitnessstudio waren, da will man wahrlich nichts abbekommen." Als Ittner merkt, dass er sein neues Leben nicht mehr ertragen kann, bittet er seinen Vorgesetzten bei der Polizei darum, zurück in die normale Sonderfahndung versetzt zu werden. „Das war mir vor meiner verdeckten Ermittlung versprochen worden", sagt Ittner. Doch davon habe plötzlich niemand mehr etwas wissen wollen. Wenn er aufhöre, so sei Ittner gesagt worden, könne er wieder Streifendienst machen. „Das wollte ich aber nicht." Und so greift er zu einem drastischen Mittel. Er erpresst seinen Arbeitgeber. „Ich habe während meiner Zeit als verdeckter Ermittler so manches Detail mitbekommen, das die Polizei in keinem guten Licht dargestellt hätte. Und ich habe gedroht, das öffentlich zu machen." Die Drohung fruchtet. Ittner darf wieder zurück in seinen Job und in sein normales Leben. Nur ist es nicht mehr sein Leben. Er hat sich verändert während der Zeit im Milieu. Er kann nicht vergessen, was passiert ist. Als er dann auch noch eine besondere Frau kennenlernt, gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. „Im Urlaub habe ich mich in eine Italienerin verliebt, die in der High Society Mailands gearbeitet hat", sagt Ittner. Plötzlich pendelt er zwischen München und Mailand. Am Wochenende feiert er mit Fußballern des AC oder von Inter, er hängt viel mit Brigitte Nielsen ab und lernt TV-Sternchen kennen. Am Montag geht es zurück zur Polizei. „Das ist mir über den Kopf gewachsen und ich wurde richtig krank." Die Diagnose: Burn-out. Ittner kann nicht mehr. All das Erlebte hat er nie verarbeitet. Das fordert seinen Tribut. Polizei wurde misstrauisch Erst sein Hausarzt, dann auch der Amtsarzt schreiben ihn krank. Ittner kann nicht mehr arbeiten, fährt aber weiterhin nach Mailand. Obwohl er das darf, wird die Polizei misstrauisch. Ittner wird unterstellt, nicht wirklich krank zu sein. Er soll zurück in den Dienst. „Doch das ging nicht, ich konnte einfach nicht mehr." Ein von der Polizei eingesetzter Gutachter erklärt Ittner aber für diensttauglich. „Dabei hat der mich nicht mal untersucht." Er soll zurück in den Dienst. Als Ittner das verweigert, werden ihm die Bezüge gestrichen. Dagegen klagt er. Ein jahrelanger Rechtsstreit entbrennt, den Ittner schließlich am Bayrischen Verwaltungsgerichtshof gewinnt. Bis dahin aber musste er zusehen, wie er ohne Geld über die Runden kommt. Als dann auch noch seine Freundin mit ihm Schluss macht, sieht er keinen Ausweg mehr. „Ich wollte mich umbringen, hatte die Pistole schon im Mund." Aber Ittner kann nicht abdrücken, der Lebenswille ist stärker. Gott sei dank, denn in der Folgezeit schafft er es, sein Leben in den Griff zu bekommen. Mehr noch, er findet sogar sein Glück. „Während dieser schwierigen Zeit lernte ich eine Prostituierte kennen und verliebte mich in sie", sagt Ittner. Doch er kann nicht ertragen, dass sie weiterhin ihrer Arbeit nachgeht. Aber Patrice, so heißt sie, „meinte nichts anderes zu können. Also überlegte ich, wie wir das Problem lösen konnten." Ittner kam der Einfall. Er eröffnete gemeinsam mit seiner Freundin den Salon Patrice in Dachau. Ein Bordell. Der Polizist leitet nun ein Freudenhaus. Und das auch noch mit Erfolg. Nach dem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs kann er es sich leisten, bei der Polizei zu kündigen. „Mir wurde gedroht, dass ich unter erhöhter Dienstaufsicht stehen würde. Und ich hatte keine Lust mehr auf diesen Laden mit seinen ganzen Lügen und Drohungen", sagt Ittner. Und so war die Verwandlung perfekt. Die Verwandlung vom einstigen verdeckten Ermittler zum Bordellbetreiber. „Das hätte ich mir auch nie träumen lassen", sagt Ittner, der mit seiner neuen Frau mittlerweile in Österreich lebt. Aus dem Tagesgeschäft des Bordells hat er sich zurückgezogen, er hilft nur noch bei handwerklichen Dingen aus und kümmert sich um die Homepage. Den Rest macht seine Frau. Aber warum eigentlich? Hat Ittner doch Gewissensbisse...

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