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Zeitung um fünf – Bockwurst zu Mittag

Einen solchen Andrang hatte der Pavillon im Bonner Regierungsviertel noch nicht erlebt. Manche waren von weither gekommen, um dort ein Bockwürstchen zu kaufen. In der Menschentraube wartete auch Loki Schmidt, die Frau des damaligen Bundeskanzlers geduldig, bis sie an die Reihe kam. Stand doch an diesem 11. November 1981 kein geringerer als der Chef des ARD-Studios Bonn, Friedrich Nowotny hinter der Theke. Mit Kochmütze geschmückt löste er gut gelaunt eine Wette ein, die er einige Tage zuvor in der ZDF-Fernsehsendung „Wetten, dass..?" verloren hatte.

Der Kiosk wurde 1957 in unmittelbarer Nachbarschaft des Bundestages errichtet. Zu den Zeiten, wo die Bundesregierung ihren Dienstsitz hatte, besaß das „Bundesbüchen" Kultstatus. Politikerinnen und Politiker, Abgeordnete und Journalisten vieler Generationen haben sich dort mit dem täglichen Bedarf versorgt. Nach dem morgendlichen Joggen holte sich Joschka Fischer dort seine Zeitungen. Otto Graf Lamsdorff war häufig so früh am Büdchen, dass er selbst mithalf, die Zeitungen auszupacken, um sie mit ins Büro zu nehmen. Das „Bundesbüdchen" war der inoffizielle Politiktreffpunkt schlechthin und steht aufgrund seiner charakteristischen Form und seiner „parlamentarischen Vergangenheit" unter Denkmalschutz. Der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm meinte rückblickend: „In keinem Regierungsviertel der Welt gibt es einen solchen unprätentiösen Ort für die spontane Kommunikation ohne Tagesordnung wie damals in Bonn."

Doch nachdem die Bundesregierung Bonn verlassen hat und nach Berlin umgezogen ist, wurde es um den Pavillon gegenüber dem Gebäude des Bundesrates in der Bonner Görresstraße ruhiger. Im Zuge des Neubaus des World Conference Center Bonn (WCCB) musste der Kiosk seinen ursprünglichen Standort im Jahr 2006 verlassen. Nach jahrelanger Zwischenlagerung wird das Bundesbüdchen nun originalgetreu restauriert und anschließend am Rand des Platzes der Vereinten Nationen an der Heussallee, unweit des historischen Ortes, der sich in den letzten Jahren baulich stark veränderte, wieder aufgestellt. Die Bundesstadt Bonn hat dafür die Baugenehmigung erteilt. Zudem bewilligte die Bezirksregierung Köln eine Förderung in Höhe von 135.000 Euro.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die sich als erste für den Erhalt des historischen Kleinods einsetzte, stellte bereits 2003 einen ersten Betrag von 6.053 Euro für den Erhalt des historischen Kiosks zur Verfügung. Zehn Jahre später folgten weitere 60.000 Euro.

Das Bundesbüdchen ist eines von über 440 Projekten, die die Deutsche Stiftung Denkmalschutz auch mit Mitteln von WestLotto aus der Lotterie GlücksSpirale allein in Nordrhein-Westfalen fördern konnte.

Weitere Unterstützung erhält das Bundesbüdchen auch aus dem Fördertopf der NRW-Stiftung. Hier steht ein Budget von bis zu 55.000 Euro zur Verfügung. Voraussetzung ist die finanzielle Unterstützung der Stadt Bonn in gleicher Höhe.

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