Seine Idyllen trügen: Thomas Rosenlöcher. - © Antje Doßmann
Seine Idyllen trügen: Thomas Rosenlöcher. | © Antje Doßmann

Kultur Lyrik-Workshop: Im Garten ein Baum

Auf Einladung der Literarischen Gesellschaft unternahm der sächsische Dichter Thomas Rosenlöcher mit dem Publikum Streifzüge durch sein poetisches Werk

Antje Doßmann

Bielefeld. Wolfgang Braungart hatte eine gute Nachricht für alle diejenigen Teilnehmenden des diesjährigen, ausnahmsweise im Café der Kunsthalle stattfindenden Lyrik-Workshops, die selbst gerne zur Feder greifen: „In Deutschland", sagte der Bielefelder Literaturwissenschaftler, „kommen die bedeutenden Dichter nicht aus der Hauptstadt, sondern aus der Provinz." Im Falle des 1947 in Dresden geborenen Dichters, dem er mit dieser Eröffnung einen freundlichen Empfang bereitete, handelte es sich um die sächsische Provinz. Genauer gesagt um das Erzgebirge, in dem Thomas Rosenlöcher lebt, seit sein ehemaliges Wohnhaus in Dresden, sein von ihm oft besungener Garten in Kleinzschachwitz, der Garage eines „Wessis" weichen musste. Und so bitter das klingt, wurde es von dem Dichter auch empfunden; das teilte sich dem Publikum im „Johnson’s" mit. Es kommt nicht darauf an, von der Lyrik eine gültige Antwort zu erwarten Aber auch, dass Rosenlöcher nicht der Dichter von Rang wäre, der er ist, hätte er nicht eine bemerkenswerte Gabe, die Dinge des Lebens genau zu betrachten, diese Bilder in Sprache zu fassen und zu einem neuen Tableau zu arrangieren. Wie beträchtlich die Dimension der Tiefe ist, die er dadurch erreicht, trat im Workshop durch die gemeinsame Auslotung einzelner Texte Schicht für Schicht zutage. Ein Prozess, der es den Teilnehmenden ermöglichte, Thomas Rosenlöchers nicht leicht zu verortende Lyrik wirklich zu durchdringen. Was bedeutete, sich für die gelegentlichen irritierenden Kalauer des Dichters ebenso zu öffnen wie für seine kryptischen Bilder und auch seinen formalen Stilwillen, der vor Reimen nicht zurückschreckt, vor Alexandrinern gar. Von Wolfgang Braungart an der langen Leine gelassen, aber doch behutsam gezügelt und hin und wieder auf einen anderen Pfad geführt, bevor die Diskussion feststeckte, analysierten die 50, 60 Lyrikbegeisterten drei exemplarische Gedichte aus dem umfangreichen Werk des Dichters. Sicherlich war es hilfreich dabei, dass Rosenlöcher auf einige literarische Anspielungen hinwies, etwa auf Brechts programmatischen Klassiker „An die Nachgeborenen" im frühen Gedicht „Der Garten", das er als sein „Ur-Gedicht" bezeichnete. Und sicherlich war es auch hilfreich, dass er begleitend zu diesem sowie dem sich anschließenden Text über eine Reise nach Frankreich in der Nachwendezeit und dem melancholisch-makaberen Gedicht „Der Hauskauf" erzählte, welche persönliche Stimmung und Lebensphase beim Verfassen im Hintergrund gestanden hatte. Dennoch machte auch dieser Workshop einmal mehr deutlich, dass seine eigentliche Qualität in dem großen und außerordentlich befriedigenden intellektuellen Vergnügen der angeleiteten, genauen gemeinsamen Textarbeit liegt. Und in der auch für den eigenen Hausgebrauch hilfreichen Erkenntnis, dass es nicht darauf ankommt, von Lyrik eine gültige Antwort zu erwarten. Sondern mit den richtigen Fragen an sie heranzutreten.

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