Spritzige Bielefelder Inszenierung

"Cosi fan tutte" am Stadttheater Bielefeld

Spritzige Bielefelder Inszenierung - © Kultur
Spritzige Bielefelder Inszenierung | © Kultur

Bielefeld. Der Generalmusikdirektor nimmt bestens gelaunt den Weg in seinen Graben über die Bühne, während Cornelie Isenbürger, in einer knallroten Lederhose bayerischen Zuschnitts steckend, lustlos den Fußboden wischt. Die Bühne (Susanne Scheerer) ist verwandelt in einen einzigen großen Raum, den "Casari-Club", der an eine alte, etwas verschlissene Schulaula erinnert.

Die rote Lederhose der Raumpflegerin und diverse im rötlichen Ton gehaltene Accessoires lassen Schlüpfriges ahnen. Die Anzeigetafel ("Ein Abend für Paare") spielt an auf wohlfeilen Partnertausch und swingende Clubs. Mozarts "Cosi fan tutte" hat am Bielefelder Theater Premiere.

Don Alfonso wettet mit Guglielmo und Ferrando, dass ihnen ihre Geliebten, die Schwestern Fiordiligi und Dorabella, untreu werden würden. Er stiftet sie an, sich zu verkleiden und die beiden Schwestern zu verführen, einer die Geliebte des anderen. Die Eroberung gelingt, was einen Mann bekanntlich zum Löwen macht. Da aber die eroberten Schönen die "eigenen" Frauen sind, haben sich unsere beiden Helden höchstselbst Hörner aufgesetzt, was einen Mann bekanntlich zum Affen macht.

Partnertausch im "Club Casari": Cornelie Isenbürger (v.l.), Caio Monteiro und Melanie Forgeron in der Bielefelder Mozart-Inszenierung. - © FOTO: Kai-Uwe Schulte-Bunert
Partnertausch im "Club Casari": Cornelie Isenbürger (v.l.), Caio Monteiro und Melanie Forgeron in der Bielefelder Mozart-Inszenierung. | © FOTO: Kai-Uwe Schulte-Bunert

Eine vorzügliche Rolle in der Inszenierung von Julia Hölscher (ihre erste Oper) spielt der Opernchor, der auf seinem ureigenen Terrain (Einstudierung: Hagen Enke) mitreißend und akkurat agiert; doch die Regie hat den vielseitig begabten Choristen diesmal etliche Spezialaufgaben gestellt, zum Beispiel: Gartensträucher spielen.

Während die freiwillig-unfreiwillig Partnertauschenden vor, hinter und unter den Büschen ihr frivoles Spiel treiben, wiegen sich die Choristen zischend im Wind, von Grünzeug bekränzt wie die Römer bei Asterix und Obelix; sie tschilpen, tirilieren und krächzen, dass lautes Gelächter aufklingt. Regelrechte Hirtenidylle als Kulisse für den Einbruch der Unmoral. Dann wiederum fegen sie in ständig wechselnder skurriler Verkleidung (Susanne Scheerer) und pointierter Choreographie über die Bühne.

Die Regisseurin Julia Hölscher und ihr Assistent Martin Hammer haben den Regisseur der Partnerverwicklung Don Alfonso (mit Schwimmbrille) und seine lederbehoste Assistentin Despina zu Hauptfiguren befördert, eine stimmige Entscheidung. Evgueniy Alexiev, seit dieser Spielzeit Ensemblemitglied, gibt einen eher unaufdringlich lustvollen Intriganten mit feiner Stimmkultur und fröhlicher Schauspielkunst, während Cornelie Isenbürger ihren immer ein wenig burschikosen und federleichten Sopran einer Figur leiht, die mit einer Prise Zynismus die Realitäten erklärt und zugleich kindlich Verspieltes und unverhohlen Trotziges aufscheinen lässt

Die beiden verführbaren Schwestern sind bei den beiden Melanies der bewährten Sopranistinnenriege des Bielefelder Theaters gut aufgehoben. Melanie Kreuter, die immer wieder mit verblüffender Leichtigkeit in den Höhen und Dämonie in der Tiefe den Ohren des Publikums schmeichelt, besticht im 14. Jahr ihrer Ensemblezugehörigkeit erneut durch ihre breite Ausdruckspalette. Sie lässt Fiordiligi theatralisch leiden, windet sich mit Chuzpe, Angst und Lust im Zwiespalt von Treue und Begierde und würzt ihre Partie mit mädchenhaftem Witz.

Melanie Forgeron gewinnt zunehmend an Statur, beeindruckt mit ihrem dunkel abgetönten noblen Mezzo und gibt eine zielstrebig den Pfad der Untreue wandelnden Dorabella.

Die beiden Gelackmeierten sind den Newcomern des Theaters anvertraut. Guglielmo und Ferrando gewinnen subtile Gestalt und werden nicht zu tumben Knallchargen verhunzt. Caio Monteiro (Bariton) und Daniel Pataky (Tenor) zeigen sich kammermusikalisch sensibel, verzichten weitgehend auf die Pose des Draufgängers und gewinnen den Zweien, die andern eine Grube graben und selbst hineinfallen, fast bemitleidenswerte Momente ab.

Die Bielefelder Philharmoniker zeigen sich von ihrer besten Seite. Spritzige Streicher, kecke Holzbläser, beeindruckend tumultuöses Blech, ein witziger Cembalist sowie ein Generalmusikdirektor, der beherzt leitet, aufrüttelnde Akzente setzt. Alexander Kalajdzic ist stets entspannter Herr der Lage. Mitunter lässt er seine Leute einfach spielen. Sie danken es ihm mit ansteckender Musizierfreude.

Begeisterter Beifall für Ensemble, Chor und Orchester, vereinzelte "Buhs" für die Regie. Aus Sicht des Rezensenten war es eine handwerklich gediegene, spritzig-witzige Inszenierung, nicht von verkrampfter Ambitioniertheit geleitet, wissend, dass der eigentlich Regisseur ein gewisser Herr Mozart ist, in dessen Musik jede Menge Regieanregungen stecken.

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