Rick Ostermann zeigte seinen Film "Wolfskinder" in Venedig. - © FOTO: DPA
Rick Ostermann zeigte seinen Film "Wolfskinder" in Venedig. | © FOTO: DPA

Kultur Rick Ostermann: Kinder werden viel zu oft Opfer

Der Paderborner Regisseur im Interview

Venedig (dpa). Der in Paderborn geborene Regisseur Rick Ostermann hat sich für sein Debütfilm ein eher unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte ausgesucht: In "Wolfskinder" erzählt der 34-Jährige die erschütternde Geschichte der Mädchen und Jungen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ohne ihre Eltern in Ostpreußen ums Überleben kämpfen mussten. Beim 70. Internationalen Filmfest Venedig feiert der Film in der renommierten Nebenreihe Orizzonti seine Weltpremiere. Mit Ostermann sprach Aliki Nassoufis.

Sie haben für Ihr Debüt historisches Material recherchiert und mit ehemaligen Wolfskindern gesprochen. Wie viele dieser realen Schicksale stecken nun in dem Spielfilm "Wolfskinder"?
RICK OSTERMANN:Ich habe einige lebende Wolfskinder in Deutschland besucht und sie interviewt. Dazu habe ich die mir bekannte Literatur über die sogenannten Wolfskinder gelesen und mich außerdem mit Historikern getroffen. All diese Geschichten habe ich als Fundament für meinen Film benutzt. Die Schicksale waren jedoch so schlimm und ergreifend, dass sie für die Kinoleinwand zu hart gewesen wären. Aber genau diese heftigen Erzählungen und Erfahrungen, die diese Wolfskinder mit mir geteilt haben, haben mich noch mehr darin bestärkt, den Film machen zu wollen beziehungsweise machen zu müssen.

Viele der Wolfskinder lebten jahrzehntelang unter falscher Identität in Litauen. Ihre Schicksale wurden häufig erst nach der Auflösung der Sowjetunion bekannt. Wie sind Sie auf dieses Thema aufmerksam geworden?
OSTERMANN:Meine Mutter ist im Alter von vier Jahren mit ihrem älteren Bruder und ihren Eltern aus dem damaligen Ostpreußen geflohen. Über die Familiengeschichte und über das daraus entstanden Interesse an weiteren Schicksalen dieser Zeit bin ich eines Tages auf die Wolfskinder aufmerksam geworden. Die Identität und die Suche nach Identität sind ein wesentlicher Teil meiner Geschichte. Denn das ist es ja, was das Schicksal dieser Kinder so spannend, außergewöhnlich und exemplarisch gemacht hat.

Der Film vermeidet die typische Ästhetik, die man mit Filmen verbindet, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielen. Wie würden Sie Ihre stilistische Herangehensweise beschreiben?
OSTERMANN:Für mich war von Anfang an klar, dass die Natur der zweite Hauptdarsteller ist. Daher haben meine Kamerafrau Leah Striker und ich uns überlegt, wie wir die Kinder mit ihrem Schicksal und der Natur in Einklang bringen können. Ein Vorbild war die Naturfotografie von Ansel Adams. So wie er, wollte ich lange Brennweiten vermeiden, die durch Unschärfen die Kinder von der Natur separieren. Nicht nur unserm Budget geschuldet, sondern auch unserem visuellem Konzept, haben wir uns bei dem Film auf zwei Brennweiten reduziert. Was super funktioniert hat. Hinzu kommt, dass wir fast alles mit einer ruhigen Handkamera gedreht haben, weil ich immer nah an den Kindern sein wollte und sehen und "fühlen" wollte, was sie erleben.

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