Michael Vogt räumt seinen Schreibtisch und geht vorzeitig in den Ruhestand. - © FOTO: MARIA FRICKENSTEIN
Michael Vogt räumt seinen Schreibtisch und geht vorzeitig in den Ruhestand. | © FOTO: MARIA FRICKENSTEIN

Ein Verleger nimmt Abschied

Literaturwissenschaftler Michael Vogt verlässt den Aisthesis Verlag

VON MARIA FRICKENSTEIN

Bielefeld. Fast dreißig Jahre lenkte er mit seinem Verlegerkollegen Detlev Kopp die Geschicke des literaturwissenschaftlichen Aisthesis Verlages. Jetzt verlässt Michael Vogt seinen Schreibtisch am Oberntorwall. Private Gründe sind es, die den 61-Jährigen ein Jahr früher als geplant in den Ruhestand verabschieden. Sein Kollege führt den Verlag weiter.

Ein guter Stern und das gemeinsame "Wir" standen schon ganz früh über ihrer Verbindung. "Wir kommen aus demselben Dorf", plaudert der promovierte Literaturwissenschaftler über die langjährige Freundschaft zu seinem Kollegen Detlev Kopp, die in Kindertagen ihren Anfang nahm. Pivitsheide V.H., sprich Vogtei Heiden, heißt der rund fünf Kilometer von Detmold entfernte Ortsteil. In Detmold machten sie ihr Abitur, studierten später in Münster und Bielefeld. Beide promovierten über den Detmolder Dramatiker Christian Dietrich Grabbe. Ursprünglich wollten sie Lehrer werden, aber ihre Fächerkombination Deutsch/Geschichte war nicht gefragt. Ein Glücksfall für Bielefeld.

"Es war von Anfang an die Literatur", erzählt Michael Vogt über seine Berufswahl. Die Freunde gründeten Aisthesis, den inzwischen über die Landesgrenzen hinweg erfolgreichen kulturwissenschaftlichen Fachverlag, der heute sowohl in den Sparten Literaturwissenschaft und Philosophie, Geschichtswissenschaft wie Medientheorie publiziert.

1986 bis 1994 engagierte sich Michael Vogt als stellvertretender Präsident der Detmolder Grabbe-Gesellschaft. 1994 entschieden sich die Freunde für einen eigenen Weg. Mit dem Verein "Forum Vormärz Forschung" wollten sie bekannte, unbekannte wie vergessene Autoren des Vormärz (1815-1848/49) ins Bewusstsein der Menschen rufen. "Grabbe ja, aber nicht nur", so Vogt, der seine Autoren humorvoll "alles witzige Melancholiker" nennt. Wilhelm Busch gehört dazu, selbstverständlich Vormärzautoren wie die in Detmold geborenen Schriftsteller Georg Weerth und Ferdinand Freiligrath.
Als Verleger spürte Vogt fast vergessene Autoren auf wie die jüdische Schriftstellerin und "Dichterin der Kinderseele" Josefa Metz, engagierte sich für die Herausgabe neuester Forschungen über Felix Fechenbach und Peter Hille. Auch die experimentelle Literatur gehört bis heute zu seinen Schwerpunkten.

"Es war ein unglaubliches Glück", sagt er über die Zeit, als der damalige Kulturamtsleiter Horst Adam Lesungen u.a. mit H.C. Artmann, Walter Jens und Dieter Wellershoff im Bunker Ulmenwall organisierte. Jörg Drews und Klaus Ramm, Professoren der Universität Bielefeld, organisierten 25 Jahre das "Colloquium Neue Poesie", dessen öffentliche Lesung im Rathaus Scharen von Lyrikbegeisterten anzog. Prallvoll war der Saal jedes Mal, und alle wollten nur das, was heute fast unvorstellbar erscheint: Sie hatten Lust auf Konkrete Poesie, experimentelle, visuelle Lyrik und Lautpoesie. Autoren wie Helmut Heißenbüttel, Friederike Mayröcker und Ernst Jandl, Gerhard Rühm und Valeri Scherstjanoi, Inger Christensen, Ferdinand Schmatz, Franz Mon, Paul Wühr und andere. "Das war ein einmaliges kulturelles Highlight", so der Verleger. Ein Höhepunkt, der 2003, im 25. Jahr des Colloquiums, sein Ende nahm. Aus Begeisterung für diesen jährlichen lyrischen Höhepunkt entstand gemeinsam mit dem Journalisten Ulrich Schmidt die CD "aussicht - absicht - einsicht".

Im Verlag engagierte sich Vogt als Herausgeber für rund 20 Editionen, darunter "Die boshafte Heiterkeit des Wilhelm Busch", Referate zum 1. Internationalen Georg-Weerth-Colloquium, ein Weerth-Lesebuch, Interpretationen zu Jandls Texten. Zum 200. Geburtstag des Detmolder Dramatikers entstand gemeinsam mit Detlev Kopp "Grabbes Welttheater", zum 200. Geburtstag Ferdinand Freiligraths "Karriere(n) eines Lyrikers".

Vogt freut sich besonders auf die gewonnene Zeit, die der Ruhestand mit sich bringt. Zeit auch für neue Projekte. Eines davon sei hier verraten. Der Humor liebende Wissenschaftler möchte über "Dichter-Quartettspiele als populäre Repräsentation der Literaturgeschichte" schreiben. Quartette sammeln gehört dazu. Jetzt gilt es, sie auszuwerten, die unbekannten, in der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert beliebten Dichter zu lesen. "Emanuel Geibel aus Lübeck war der damalige zweite Goethe", klärt Vogt auf. "Den kennt heute kein Mensch mehr." Als Verleger sieht er sich stets der Aufklärung verpflichtet, als ein Vermittler, der ein bisschen mehr Wissen in die Welt zu tragen gedenkt. Man darf gespannt sein.

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