Kultur ohne roten Teppich

Die Sopranistin Sibylle Ehlert plant eine fahrende "Schubertiade"

VON HEIKE KRÜGER
Sibylle Ehlert plant fahrende "Schubertiade" - © Kultur
Sibylle Ehlert plant fahrende "Schubertiade" | © Kultur

Detmold/Potsdam. Als Schubertiade bezeichnete man seit den Lebzeiten Franz Schuberts (1797-1828) private Aufführungen von dessen Werken, Hauskonzerte eben. Hauskonzerte der besonderen Art plant die aus Detmold stammende Sopranistin Sibylle Ehlert.

Allerdings sollen sich ihre Kulturdarbietungen auf der Ladefläche eines dafür konstruierten umgebauten Lkw abspielen. Und zu hören und zu sehen bekommt das Publikum nicht nur Schubert, sondern auch Theater, Comedy, Lesungen, Pantomime. Kurzum alles, was ein moderner erweiterter Kulturbegriff so zulässt.

Information
Projektpartner gesucht
  • Sibylle Ehlert plant, ihre Schubertiade 2015 an den Start zu bringen.
  • Sie will vier Arbeitsstellen schaffen, sucht Sponsoren für Wohnwagen und Umbau, auch einen Planer, der ihr die Bühne entwirft.
  • Der Wagen soll saisonweise, jeweils von April bis September, durch Deutschland fahren.
  • Bewerben können sich kreative Köpfe jeweils vier Monate bevor der Wagen in ihrer Stadt Station macht.
  • Das Projekt ist für kreative Laien aus den unterschiedlichen Kulturbereichen gedacht.
  • Neben der Bühne, Zuschauerplätzen und einem Catering-Service für die Teilnehmer ist an Stände für Gespräche und Begegnungen mit Profis gedacht.
  • Kontakt: Sibylle.Ehlert@emailn.de

Ehlerts Geschichte ist ungewöhnlich. Schon als kleines Mädchen sang sie in Detmold in verschiedenen Chören, ihre ebenfalls musikbegeisterte Mutter förderte früh die Ambitionen der Tochter. Der gelang der Sprung an die Hochschule für Musik. Als junge Konzertsängerin schloss Ehlert Anfang der neunziger Jahre die Reifeprüfung an der Detmolder Hochschule für Musik ab, erhielt bald ihr erstes festes Engagement am Theater Bern.

Singen am Berner Theater

Dort sang sie bis 1996 rund zwölf verschiedene Partien, unter anderem die Gilda ("Rigoletto"), Marie aus "Die verkaufte Braut", die Rolle der Zerbinetta ("Ariadne"). Auch außerhalb des Theaters war sie eine gefragte Besetzung, etwa für die Pamina aus Mozarts "Zauberflöte".

Die Sopranistin Sibylle Ehlert mit ihrem Hund Ulijas vor dem Leineweber-Denkmal in Bielefeld. Im Hintergrund die Altstädter Nicolaikirche. Dies wäre für sie ein passender Ort, wo sie ihre Bühne auf Zeit gerne aufstellen würde. - © FOTO: SANDRA SANCHEZ
Die Sopranistin Sibylle Ehlert mit ihrem Hund Ulijas vor dem Leineweber-Denkmal in Bielefeld. Im Hintergrund die Altstädter Nicolaikirche. Dies wäre für sie ein passender Ort, wo sie ihre Bühne auf Zeit gerne aufstellen würde. | © FOTO: SANDRA SANCHEZ

Konzertverpflichtungen, Gastspiele im In- und Ausland sowie die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Peter Sellers in Salzburg sowie den Dirigenten Julius Rudel, Esa-Pekka Salonen und Kent Nagano bereichern die Vita der heute 48-Jährigen.

Ab 1994 arbeitete sie freischaffend als Lied-, Oratoriums- und Opernsängerin unter anderen in Bern, St. Gallen, Brüssel, Utrecht. In Amsterdam trat sie ebenso auf wie in Alicante, Mailand, Lyon und Manchester, in der Festival Hall in London sowie in der Chandler Hall/Los Angeles. Einige ihrer Partien und Liederabende wurden von der BBC London gesendet, für Konzerteinspielungen stand sie bei Sony unter Vertrag.

Die Engagements blieben aus

Doch um 1999 erfolgte der Bruch mit dem etablierten Konzertbetrieb. Nicht unbedingt frei gewählt zu Anfang, auch war ihr nicht immer klar, wie es kommen konnte, dass die Engagements plötzlich ausblieben. Heute sieht sie vor allem einen Auftritt als Venus in Ligetis "Le Grand Macabre" bei den Salzburger Festspielen in Zusammenhang mit dem abrupten Ende ihrer Laufbahn auf den großen Konzertbühnen.

"Ligeti hatte die Rolle so angelegt, dass die Venus splitternackt auf der Bühne stehen sollte. Ich sagte, ich mach’ das und dachte, die Botschaft der Venus komme beim Publikum über." Doch das eher konservative Festspiel-Publikum habe schockiert reagiert. "Fortan bekam ich kaum noch interessante Rollen", so Ehlert. Auch mit ihrer Agentin kam es zum Zerwürfnis.

Eine Abwärtsspirale begann sich zu drehen, aber es kam auch ein heilsamer Prozess des Erkennens von Strukturen im professionellen Konzertbetrieb in Gang. Den sieht Ehlert heute kritisch. "Es kommt doch leider vielen Menschen darauf an, wie sie sich präsentieren, wenn sie mit Perlenkettchen in die Oper gehen und wer sie dabei beobachtet. Vielen geht es nicht so sehr um die Kunst."

Finanzielle Sicherheit fehlt

Musik, auch klassische, sei aber ganz und gar Allgemeingut und sollte gerade auch von Menschen aus sogenannten "bildungsfernen Schichten" genossen werden können. Die Sicherheit eines festen Einkommens fehlt ihr schon manchmal, die Konkurrenz- und Grabenkämpfe um gute Rollen im etablierten Kulturbetrieb hingegen hat sie ohne Bedauern hinter sich gelassen.

Ehlert lebt im brandenburgischen Beelitz. Dort ist sie zuhause, wenn sie nicht gerade mit ihrem Wohnwagen unterwegs ist, Straßenmusik macht oder sich um ihre fast 75-jährige Mutter in Detmold kümmert. Die Idee mit der Schubertiade kam nach einem Workshop

für Menschen, die sich selbstständig machen wollen. Für das Projekt, bei dem ausdrücklich begabte Laien eine Chance auf der Bühne bekommen sollen, sucht sie Sponsoren. Auch mit einzelnen Kommunen, darunter Bielefeld, ist sie bereits in Kontakt getreten wegen der Konditionen für einen jeweils einwöchigen Aufenthalt an zentralem Ort.

"Wohlwollendes Publikum nötig"

Ehlert möchte den potenziellen Akteuren professionelle Lehrer und Berater zur Seite stellen. "Man kann nur Profi werden, wenn man zuvor ein wohlwollendes Publikum hat, das einen Fehler machen lässt", sagt sie in Anlehnung an die Praxis des eher mittellosen Schubert, mit seinen Hauskonzerten kreative Ambitionen zu fördern und dabei Geld zu verdienen.

"Kultur hat einen gesellschaftlichen Auftrag", ist sie überzeugt, "sie sollte integrativ wirken und nicht einer Schickeria dazu verhelfen, auf dem roten Teppich feine Kleider auszuführen."

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