Herfords Kunstvereins-Vorsitzender Theodor Helmert-Corvey vor einem Tableau mit Arbeiten Claus Goedickes. - © FOTO: RALF BITTNER
Herfords Kunstvereins-Vorsitzender Theodor Helmert-Corvey vor einem Tableau mit Arbeiten Claus Goedickes. | © FOTO: RALF BITTNER

Herford Carl Schuch und seine Stilllebenfotografie

Zeitgenössische Ausstellung im Herforder Kunstverein

VON RALF BITTNER

Herford. Auf einem Tischtuch arrangiertes Obst, liebliche Blumensträuße oder zum Ausbluten aufgehängte Vögel gehören zu den Motiven auf den 13 Stillleben Carl Schuchs, denen die Ausstellung "Carl Schuch und die zeitgenössische Stilllebenfotografie" 16 fotografische Positionen gegenüberstellt.

"Das Stillleben ist ein klassischen Genre", sagt Theodor Helmert-Corvey vom Herforder Kunstverein. Der im 19. Jahrhundert malende Wiener Carl Schuch gehört zu den Meistern des Genres, das sich immer großer Beliebtheit bei Künstlern und Betrachtern erfreute. Schuchs Arbeiten entstanden, als die Fotografie begann, sich als Medium der Darstellung von Wirklichkeit zu etablieren und den Sinn realistischer Malerei in Frage zu stellen. "Wollen die Leute bloß den plausiblen Schein der Natur malen, so sehe ich den Zweck des Malens nicht ein", schrieb er einem Freund. Es ging ihm um das Begreifen der Natur, Wiedergabe geistiger Wahrheiten und Gesetzmäßigkeiten. Seine Stillleben entstanden als Untersuchungen dieser Fragen in den Laborbedingungen seines Ateliers.

Fotografische Stillleben beziehen sich unterschiedlich auf diese kunsthistorische Tradition. Arrangierte Studien zum Verhältnis von Flächen und Objekten sind ebenso vertreten wie die gefundenen Bilder einer Jassica Backhaus, die selbst als Spiegelbild in ihre Arbeit tritt, der nüchtern-serielle Blick des Becher-Schülers Claus Goedicke auf die Dinge des täglichen Lebens, Manfred Hamms fast dokumentarische Blicke in Museumsdepots oder die Aufnahmen eines Johanns Brus, die so verfremdet sind, dass sie fast selbst wie Gemälde wirken. Rolf Appelbaum blickt mit Röntgenkameras in Gepäckstücke, Adam Bartos Blicke auf Spielbretter, Gläser oder Schläuche scheinen nach ästhetischen Kriterien arrangiert.

Klassische Motive

Arno Jansen zeigt klassische Motive – Gläser, Flaschen, Kissen – in vieltönigem Grau, ähnlich wie Manfred Paul, der mit Fischen, Trauben oder Brot – also im weitesten Sinne Lebensmitteln – in der Malerei oft verwendete Motive aufnimmt. Marcus Schwier zeigt Räume, die in seinen Großformataufnahmen auf geheimnisvolle Weise ihre Räumlichkeit verlieren und einen Tableau-Charakter gewinnen. Annett Stuth erweitert gefundene oder arrangierte Motive per Montage zu neuen Erzählungen: Garnelen schweben über der Mondoberfläche, ein Tornado wütet hinter Blumenkohlköpfen.

Die Fotografen gehen auf unterschiedlichste Weise an das Sujet heran, haben aber eines mit Schuch gemeinsam: Auch die Fotografie hat längst den Bereich der wirklichkeitsgetreuen Abbildung verlassen und befragt mit ihren Mitteln das Verhältnis von Abbild und Wirklichkeit.
Die vertretenen Fotografen sind Rolf Appelbaum, Jessica Backhaus, Werner Barfus, Adam Bartos, Johannes Brus, Claus Goedicke, Manfred Hamm, Arno Jansen, Laura Letinsky, Christopher Muller, Hartmut Neumann, Dieter Nuhr, Manfred Paul, Marcus Schwier, Anett Stuth und Ingolf Timpner. Die Ausstellung ist nach Herford in Ratingen, Siegen, Siegburg, Kerpen und Zwickau zu sehen.

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