Hagen Enke, neuer Leiter des Bielefelder Oratorienchors, freut sich auf sein erstes Konzert mit den 150 Sängern. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Hagen Enke, neuer Leiter des Bielefelder Oratorienchors, freut sich auf sein erstes Konzert mit den 150 Sängern. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld Hagen Enke: "Chor ist eine Lebensschule"

Der neue Leiter des Oratorienchors im Interview

Sie wollen das gängige Repertoire erweitern?
ENKE:
Die Klassiker zu singen, steht jedem Chor gut zu Gesicht. Da trennt sich die Spreu vom Weizen, da entscheidet sich, was gut und was weniger gut ist. Der Oratorienchor hat wie viele der großen Chöre in Bielefeld nahe an der evangelischen Kantorei-Tradition agiert. Das werden wir auch beibehalten, aber wir werden sicherlich noch den ein oder anderen Farbtupfer bekommen.

Der Chor ist riesig. Wie gehen Sie damit um?
ENKE:
Es sind fast 150 aktive Sängerinnen und Sänger und es werden sicher nach dem Konzert noch welche hinzukommen. Rein zahlenmäßig sind wir jetzt an einem Punkt, an dem ein Chor künstlerisch noch händelbar ist. Natürlich kann man auch mit einem 200-köpfigen Chor ganz gut arbeiten. Aber wir sind an einem Scheideweg und sollten entscheiden, ob wir weiter Sänger aufnehmen und nur den Spaß als Vorbedingung stehen lassen – oder ob wir eine künstlerische Komponente mit ins Spiel bringen. Der Chor ist demokratisch organisiert, also muss das erstmal diskutiert werden.

Ihnen ist also daran gelegen, den Chor voranzubringen?
ENKE:
Das ist vor meiner Zeit auch schon passiert. Ich weiß, wie konsequent und intensiv Hartmut Sturm an den künstlerischen Belangen des Chors gearbeitet hat. Aber wenn man jetzt so einen Zustrom erfährt, was ja schön ist, muss man sich andere Modalitäten ausdenken. Wir haben im Chor schon besprochen, ob wir vielleicht eine Stimmbildnerin beschäftigen, die parallel zu den Proben im Nebenraum parat steht. Mit ihr könnten einzelne Sänger – natürlich freiwillig – arbeiten. Aber das ist noch nicht in trockenen Tüchern. Wir müssen sehen, wie wir das finanziell hinbekommen.

Wie ist der Oratorienchor altersmäßig aufgestellt?
ENKE:
Wunderbar: Alle Generationen sind vertreten. Junge Leute genauso wie das Mittelalter und die ganz erfahrenen Chorsänger, die auch im Leben schon viel Erfahrung gesammelt und aus ihrem Leben etwas gemacht haben. Und ich darf vor dieser Masse von Menschen stehen und sagen: Jetzt machen wir das so und so. Das empfinde ich als große Auszeichnung.

Was lernen Sie selbst im Oratorienchor dazu?
ENKE:
Es kamen einige in den Proben und sagten: Wir müssen mehr durchsingen. Nun höre ich beim Durchsingen natürlich, wo die Probleme sind und möchte helfen, also wird unterbrochen. So machen wir das hier im Profibereich. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Vielleicht ist das bei Laien geringfügig anders. Natürlich muss man denen auch helfen. Aber sie sind auch clever genug, die Probleme zu sehen. Der Vorteil des Durchsingens ist, dass sie spüren, wie der Ablauf ist, wo die Anforderungen auch kräftemäßig sind. Die Probleme können sie selbst – nicht prinzipiell, aber im Einzelfall – auch mal selbst lösen. Das ist auch eine neue Herausforderung für mich, Vertrauen zu haben und den Kontrollzwang ein bisschen zu dämpfen.

Information

Hagen Enke

Der 1967 im Harz geborene Hagen Enke ist seit 2004 Chordirektor am Theater Bielefeld und für die Choreinstudierungen aller Produktionen des Musiktheaters verantwortlich.

Als Hartmut Sturm im Frühjahr dieses Jahres die Leitung des Bielefelder Oratorienchors abgab, wurde Hagen Enke sein Nachfolger. Vor seinem Engagement in Bielefeld war Enke sechs Jahre an der Komischen Oper Berlin tätig. Ebenso lang assistierte er an der Berliner Singakademie.

Erfahrungen mit Laienchören sammelte er bereits während seines Studiums in den Chor- und Orchesterdirigieren sowie Komposition an der Musikhochschule "Hanns Eisler" Berlin.

Seit 2010 lehrt Enke der Detmolder Musikhochschule. Er ist verheiratet mit der Sängerin Christín Enke-Mollnar und hat zwei Kinder.(groe)

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