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Marjana Gaponenko | © Foto: ANDREAS FRÜCHT

Marjana Gaponenko: "Ich habe von den Vögeln gelernt"

Die Schriftstellerin spricht im Interview über deutsche Sprache, Ornithologie und Kutschfahrten

Bielefeld. Aufgewachsen ist Marjana Gaponenko in der Ukraine – in der Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer. Ihre Gedichte und Romane schreibt sie aber nicht auf Russisch, sondern auf Deutsch. In der fremden Sprache hat sie einen einzigartigen Sound aus Bilderreichtum, Witz, Situationskomik und Tiefgang entwickelt, der auch ihren neuen Roman "Wer ist Martha?" prägt. Thomas Klingebiel sprach am Rand einer Lesung in Bielefeld mit der 31-jährigen Autorin, die heute in Mainz lebt.

Frau Gaponenko, warum haben Sie als Teenager in der Ukraine ausgerechnet Deutsch gelernt?
MARJANA GAPONENKO:
Wir hatten Deutsch in der Schule, aber auch Englisch. Als sich die Frage stellte, ob ich mich auf Englisch oder Deutsch konzentrieren soll, habe ich mich für Deutsch entschieden. Das erschien mir netter, sympathischer, ehrlicher und vom Lernprozess auch leichter zu sein.

Information
"Wer ist Martha?"

In Marjana Gaponenkos zweitem Roman "Wer ist Martha?" begibt sich ein einsamer 96-jähriger Ornithologe aus Odessa auf eine letzte Reise. Luka Lewadski hat Lungenkrebs und möchte im Luxus sterben. Er quartiert sich im noblen Hotel "Imperial" in Wien ein, doch der Tod lässt auf sich warten. Derweil findet Lewadski Gefallen an der Gesellschaft seines Butlers und eines verschrobenen Altersgenossen, den er im Fahrstuhl kennenlernt. Der Roman lebt aber nicht von der Handlung, sondern von der eigenwilligen Wortmusik Gaponenkos, die humorvoll, tiefgründig und skurril von Lebensfreude und der Würde des Menschen erzählt. (tom)
      

Deutsch gilt doch eigentlich als schwere Sprache.
GAPONENKO:
Ich bin froh, dass ich das jetzt einigermaßen im Griff habe. Am Anfang war es natürlich ein Horror. Es dauert ein paar Jahre, bis es klick macht im Kopf. Dann weiß man, aha, die Grammatik ist jetzt in mir. Aber man muss wirklich bis zum Wahnsinn pauken und lernen. Das war die gute alte russische Methode, mit der ich aufgewachsen bin. Die ist jedem zu empfehlen, auch im jungen Alter. Einfach pauken, auch unter Tränen, auswendig lernen. Irgendwann macht es klick.

Hatten Sie auch ein ausgeprägte Interesse für deutsche Autoren?
GAPONENKO:
Wir haben Remarque gelesen, Schiller, sehr viele Gedichte aus dem 19. Jahrhundert, viel depressive, traurige Literatur, meines Erachtens nicht geeignet für junge Leute. Schauen Sie, ich war 16. Wir fangen das Studium schon mit 16 an. Da war das schon ein Schlag ins Gesicht. Wir haben alle geweint, als wir Remarques "Drei Kameraden" gelesen haben, weil es so traurig ist. Mich hat das sehr erschlagen, für lange.

Schwere Sprache, depressive Literatur. Warum haben Sie das auf sich genommen?
GAPONENKO:
Es gibt einen ganz großenVorteil. Wenn man eine fremde Sprache beherrscht, verändert man sein ganzes Wesen, wenn man diese Sprache spricht. Ich stottere in meiner Muttersprache. Das hört man auch im Deutschen noch ein bisschen, aber ich bin die Stotterei zu 99 Prozent losgeworden in der deutschen Sprache, weil ich sie mir erkämpft habe. Ich konnte mit der deutschen Sprache mein Wesen verändern. Ich denke in ihr anders, vielleicht auch klarer. Das glaube ich jedenfalls. Im Russischen höre ich mich kaum denken. Ich bin nicht so konzentriert, so versammelt. Ich habe kürzlich ein Interview auf Russisch gegeben und gemerkt: Es ist zwar meine Muttersprache, aber meine Gedanken sind mir abhanden gekommen. Ich sitze da auf diesen Gedanken wie auf einem Gepäck, aber ich habe keine Reise vor mir. Ich liebe die russische Sprache, aber ich habe sie nicht gepflegt. Ich habe mich auf die deutsche Sprache konzentriert.

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