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Tomas Venclova: "Ich bin ein historischer Optimist"

Der Dichter über sein Werk, das Leben im Exil und seine Heimat Litauen

19.07.2012 | Stand 18.07.2012, 18:34 Uhr

"Ich bin ein

historischer Optimist" - © KULTUR
"Ich bin ein
historischer Optimist" | © KULTUR

Altenbeken. Der Litauer Tomas Venclova zählt zu den großen zeitgenössischen Dichtern. Lyriker Durs Grünbein, der viele seiner Verse aus dem Litauischen ins Deutsche übertragen hat, sagt über die Gedichte des 75-Jährigen: "Sie gehören zum Unzeitgemäßesten, was die zeitgenössische europäische Poesie zu bieten hat." Stefan Brams sprach beim Literaturfest "Wege durch das Land" im Alten Forsthaus von Altenbeken mit Venclova, der 1977 aus seiner Heimat in die USA emigrierte über das Leben im Exil, sein Werk und warum er nicht dauerhaft nach Litauen zurückgekehrt ist.

Herr Venclova, was hat Ihre Lyrik geprägt?
TOMAS VENCLOVA: Als Hitler 1941 die Sowjetunion und damit auch meine Heimat Litauen überfiel, habe ich meine Eltern zeitweise verloren gehabt. Mein Vater war vor den Truppen Hitlers nach Moskau geflohen. Meine Mutter blieb mit mir allein zurück. Doch sie wurde verhaftet und saß einige Monate im Gefängnis und ich, erst drei Jahre alt, war plötzlich vollkommen allein. Das war ein Trauma für mich. Und vieles von dem, was ich in meiner Lyrik bis heute schreibe, speist sich aus diesem frühkindlichen Trauma auch wenn am Ende alles glücklich ausging, meine Mutter wieder freigelassen wurde und mein Vater 1944 zu uns zurückkehren konnte.

Der Lyriker Tomas Venclova wurde 1937 in Klaipeda geboren und wollte schon als Kind Dichter werden. - © FOTO: MARC KÖPPELMANN
Der Lyriker Tomas Venclova wurde 1937 in Klaipeda geboren und wollte schon als Kind Dichter werden. | © FOTO: MARC KÖPPELMANN

Ihr Vater war Autor und Kulturminister der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, deren Hymne er dichtete. Wie sehr hat sie das väterliche Vorbild geprägt?
VENCLOVA: Ja, mein Vater war Schriftsteller, er kannte sehr viele Autoren, die oft bei uns zu Hause zu Gast waren. Diese Atmosphäre hat mich sehr früh geprägt, und schon als Kind wollte ich wie mein Vater auch Autor werden. Das ist dann tatsächlich auch so gekommen. Nur, dass ich mich von der Art und Weise wie mein Vater geschrieben hat, doch sehr unterscheide. Er war der sozialistisch-realistischen Linie verpflichtet und Funktionär im Schriftstellerverband. Ich schreibe eine hermetische, widerständige Lyrik und musste emigrieren, weil ich das Regime kritisiert habe.

Welche Dichter haben Sie damals geprägt?
VENCLOVA: Sehr wichtig war für mich Henrikas Radauskas. Er war der wohl beste litauische Lyriker des 20. Jahrhunderts. Radauskas hatte linke Ansichten und war ein Freund meines Vaters, ging bei uns zu Hause ein und aus, emigrierte aber nach der sowjetischen Besetzung Litauens nach Westberlin.

Information

Litauischer Lyriker mit Weltgeltung

  • Tomas Venclova, der regelmäßig als Literaturnobelpreiskandidat gehandelt wird, wurde 1937 in Klaipeda (Litauen) geboren. 1977 musste er in die USA emigrieren, weil er in seinen Gedichten die Sowjetunion kritisiert und einer Menschenrechtsgruppe angeschlossen hatte. Venclovas Dichtung ist hoch poetisch, hermetisch und komplex. Bei Suhrkamp erschien zuletzt sein Band "Gespräch im Winter". Venclova lebt derzeit für ein Jahr in Berlin.(ram)

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