Alexander Franzen spielt den lässigen, vor Energie strotzenden Womanizer Robert. - © FOTO: MATTHIAS STUTTE
Alexander Franzen spielt den lässigen, vor Energie strotzenden Womanizer Robert. | © FOTO: MATTHIAS STUTTE

Stephen Sondheims Musical "Company" feierte Premiere am Bielefelder Theater

Ein Mann dreht am Rad

VON ANKE GROENEWOLD

Bielefeld. Robert lebt in New York und ist ein dynamischer, erfolgreicher Single. Es ist sein 35. Geburtstag. Seine drei Liebschaften und fünf befreundete Ehepaare finden sich zur Überraschungsparty bei ihm ein. Es geht um die Frage: Wie geht es weiter ? Will Robert in Zukunft so leben wie bisher, oder wäre es nicht doch an der Zeit, sich zu binden? Einsamkeit, Zweisamkeit, Freundschaft, darum dreht sich "Company".

Roland Hüves sensible Inszenierung von Stephen Sondheims Konzept-Musical aus dem Jahr 1970 lässt keinen Zweifel daran, dass sich die Geburtstagsparty und der daraus folgende Reigen der Szenen - eine Story im konventionellen Sinn gibt es nicht - in Roberts Kopf abspielen.
Auf einer zweieinhalbstündigen, kurzweiligen Erkundungsreise nimmt der Mann die glücklichen Beziehungen seiner Freunde näher unter die Lupe und erfährt dabei vieles, was das rosige Bild der Zweisamkeit trübt und seine Zweifel an der Ehe nährt.

Tendenz: Die Männer raten ab, die Frauen zu. Auch seine Freundinnen melden sich zur Wort - einmal sogar musikalisch im Stil der Andrew Sisters unwahrscheinlich einmütig im Terzett. Zweimal misslingt es Robert im Lauf des Stücks, die Geburtstagskerzen auszupusten, weil er nicht weiß, was er sich wünschen soll. Beim dritten Mal klappt’s. Kein Happy-End vorm Traualtar, aber ein Bekenntnis zu Bindung.

Das Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter ist ebenso symbolisch wie funktional und sorgt für einen reibungslosen Fluss: In ein riesiges, metallenes Rhönrad ist eine sechseckige Spielfläche eingelassen. Beides gerät in zwei Szenen spektakulär in Bewegung . Das bekletterbare Rad nimmt verschiedene Positionen im Raum ein, wird zu Wohnung, Hochzeitskirche oder Balkon. Es lässt denken an das Glücksrad, das Hamsterrad, den Ehering und die Quadratur des Kreises.

Doch so augenfällig das Rad auch ist - im Mittelpunkt steht stets das 14-köpfige Ensemble, und das ist gesanglich wie schauspielerisch grandios in diesem Musical, das einen hohen Sprechanteil und pointenstarke Dialoge hat.

Allen voran Alexander Franzen, der als lässiger, vor Energie strotzender Womanizer Robert auf seiner fantastischen Reise im Wunderland der Gefühle und zwischenmenschlichen Beziehungen Skurriles, Lustiges, Trauriges erlebt. Toll gespielt, ergreifend gesungen.

Nebenfiguren gibt es in diesem Stück nicht - jede hat Gewicht. Carolin Soyka wird mit ihrem irrwitzig rasanten Auftritt als panische Braut in Erinnerung bleiben, die ihren überaus liebenswürdigen Zukünftigen (Thomas Klotz) plötzlich nicht mehr heiraten will.

Die gefrusteten Sarah (Melanie Kreuter) und Harry (Thomas Winter) liegen im verbalen Dauerclinch, der in einem herrlichen Kungfu-Duell gipfelt.

In der reizenden Susan (Jessica Krüger) und dem smarten Peter (Frank Wöhrmann) sieht Robert das ideale glückliche Paar, doch dann stellt sich heraus, dass sie sich gerade fröhlich getrennt haben. Robert könnte sich Susan an seiner Seite vorstellen, nicht aber Peter, dessen Avancen er als Scherz abbügelt.

Dominant, zynisch und nie um einen knalligen Spruch verlegen hat Diva Joanne (Kerstin Marie Mäkelburg) stets einen großen Auftritt, doch wie sie wirklich ist, weiß nur ihr dezenter, liebevoller Mann Larry (Nico Gaik). "Bequem, aber fad" findet David (Tilmann von Blomberg) die Ehe mit der warmherzigen , "spießigen" Jenny (Michaela Duhme).
Und dann sind da noch Roberts Freundinnen: Mit viel Charme mimt Roberta Valentini die süße, seltsame Stewardess April. Stark ist auch Karin Seyfried (Kathy) - großen Eindruck hinterlässt eine Szene mit Robert, in der beide verpasste Chancen erkennen. Und die temperamentvolle Rebecca Stahlhut glänzt als selbstbewusste Marta.
Die Inszenierung dieses interessant gebauten Werks ist präzise gearbeitet, mit einem feinen Händchen für Timing, Tempo und Tonfall. Und das Ensemble tanzt auch noch entspannt (Choreografie: Katharina Wiedenhofer).

William Ward Murta leitet eine zehnköpfige Band, die oft größer klingt, und Sondheims anspruchsvolle, farbenreiche Musik mit gehörig Schwung und Raffinesse spielt. "Company" ist das erste Sondheim-Musical am Bielefelder Theater und hoffentlich nicht das letzte.

Weitere Aufführungen: 11., 13., 17., 30, Mai, 1., 16., 18., 24. Juni, Karten unter Tel. (05 21) 55 54 44. Infos: www.theater-bielefeld.de.

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