Umjubelte Premiere des Musicals "Chess"

Der kalte Krieg auf dem Schachbrett

VON ANTJE DOSSMANN
Umjubelte Premiere von Chess - Das Musical - © MUSICAL
Umjubelte Premiere von Chess - Das Musical | © MUSICAL

Bielefeld. Um es gleich vorwegzunehmen: Mit dieser Inszenierung hat das Stadttheater Bielefeld einen absoluten Volltreffer gelandet. Das Stück ist schlichtweg große Klasse. Alle Erwartungen, die man an ein Musical haben darf, wurden erfüllt und vielfach übertroffen. Denn das, was dort auf der zum vollen Einsatz seiner technischen Möglichkeiten kommenden Bühne gezeigt wurde, war mitnichten lieblos aufgewärmte Fertigkost. Sondern ein Festmahl für Augen und Ohren, Herz und Hirn.

Das fing bei Duncan Haylers genialer Bühnengestaltung an und hörte bei Jón Philipp von Lindens dramaturgischen Finessen, William Ward Murtas musikalischem Feinschliff und Kay Kuntzes herausragendem Inszenierungsgespür noch lange nicht auf. Allen Beteiligten gebührt größte Anerkennung. Den Bielefelder Philharmonikern ebenso wie den Sängern der verschiedenen mitwirkenden Chöre, den von Götz Hellriegel choreografierten Tänzern, den Schauspielern in den Nebenrollen, Solisten und sämtlichen Statisten.

Und dann erst die Hauptrollen – Mamma mia, haben die gut gespielt und gesungen. Allen voran Roberta Valentini in der Rolle der Florence Vassy, Alex Melcher als Frederick Trumper und Veit Schäfermeier als Anatoly Sergievsky. Letztere glänzten als zwei Schachkontrahenten, die von ihrer jeweiligen Nation in einen kalten russisch-amerikanischen Stellvertreterkrieg geschickt werden. Zwischen ihnen die gebürtige Ungarin Florence Vassy als schwer sowjetgeschädigte Managerin, deren erklärtes Ziel es ist, "immer nur dem Besten zu dienen". Doch wer ist der Beste? Und was bedeutet es überhaupt, gut zu sein?

An berühmtes Schachduell angelehntes Stück

Abseits des Schachbretts, auf dem die drei bald selbst immer mehr bewegt werden wie bloße Spielfiguren: Dame, König, (Über)-Läufer. Das Stück ist angelehnt an das aufsehenerregende Duell zwischen dem amerikanischen Schachspieler Bobby Fischer und dem sowjetrussischen Titelverteidiger Boris Spasski während der WM in Reykjavík im Jahr 1972. Der Komponist Tim Rice erkannte seinerzeit in diesem als "Spiel des Jahrhunderts" hochstilisierten Kräftemessen die perfekte Folie für ein aktuelles und in jeder Hinsicht spannendes Bühnenstück. Die Frage war nur, ob das von den beiden "Abba"-Herren Björn Ulvaeus und Benny Andersson unverkennbar mitverfasste Musical auch über zwanzig Jahre nach dem Mauerfall noch funktionieren würde.

Information
Termine:
18.09.2011, 11:15 Uhr
25.09.2011, 19:30 Uhr
01.10.2011, 19:30 Uhr
09.10.2011, 15:00 Uhr
11.10.2011, 20:00 Uhr
14.10.2011, 20:00 Uhr
17.11.2011, 20:00 Uhr
22.11.2011, 20:00 Uhr
23.11.2011, 20:00 Uhr
14.12.2011, 20:00 Uhr
10.02.2012, 20:00 Uhr
19.04.2012, 20:00 Uhr
21.04.2012, 19:30 Uhr

Mit Sicherheit – so zeigte sich bei der Premiere in Bielefeld – wirkt es heute anders als zu seiner Entstehungszeit. Doch der historische Abstand hat sogar einen positiven Effekt: Vieles lässt sich inzwischen reflektierter und vor allem entspannter betrachten als damals. Das Zähnefletschen, Säbelrasseln auf beiden Seiten, all das menschliche Leid, das der Kalte Krieg verursachte. Es gibt Szenen in "Chess", die in Erinnerung bleiben werden. Besonders die bewegenden Duette, die Roberta Valentini mit Alex Melcher und Veit Schäfermeier sang, aber auch mit Karin Seyfried, die in der Rolle von Sergievsyks russischer Ehefrau Svetlana brillierte.

Am Ende: stehend gegebener Applaus, drei Vorhänge, diszipliniertes Verbeugen. Danach der hörbare Jubel des Ensembles – so liebenswert wie das ganze Stück. Hingehen!

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