Immer Ärger mit Handke

Eklat beim Mindener Candide-Preis: Sponsor zieht wegen des umstrittenen Autors Finanzierung zurück

VON KARSTEN SCHULZ UND CARMEN PFÖRTNER
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mit Handke - © MINDEN
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Minden/Rahden. Wie gewonnen, so zerronnen: Als Geldgeber für den literarischen Candide-Preis wollte Kai Büntemeyer von der Kolbus AG aus Rahden in diesem Jahr erstmalig brillieren. Nun, da der Österreichische Autor Peter Handke von der Jury als Preisträger erkoren ist, springt Büntemeyer spontan ab. Er sei mit Peter Handke als Gewinner nicht einverstanden, sagte er der Jury des Candide-Preises.

Jury-Vorsitzender Gerd Voswinkel bezeichnete dies als "klaren Vertragsbruch". Die Kolbus AG, in Person Kai Büntemeyers als geschäftsführender Gesellschafter, habe 2010 mit dem Literarischen Verein Minden, der den Candide-Preis auslobt, einen Sponsoren-Vertrag auf unbestimmte Zeit geschlossen. Ein Kündigungsrecht bestehe zum 31. Juli. In dem Vertrag sei außerdem festgeschrieben, dass die Jury, die mit großer Mehrheit für Handke gestimmt habe, unabhängig in ihren Entscheidungen sei.

Information

Der Candide-Preis

  • Seit 2004 wird der Candide-Preis vom Literarischen Verein Minden gestiftet. Er ist benannt nach dem Roman des franz. Philosophen Voltaire.
  • 2008 wurde er in einen deutsch-französischen Literaturpreis umgewandelt; auf deutscher Seite stieg die Stiftung Genshagen, auf französischer Seite das Kulturministerium mit ins Boot.
  • Mit der Auszeichnung soll die zeitgenössische Literatur im jeweiligen Nachbarland bekannter gemacht werden.

Kai Büntemeyer habe – nachdem er von dem diesjährigen Preisträger erfuhr – "umgehend" erklärt, dass er ihn nicht mit den veranschlagten 15.000 Euro finanzieren werde. Laut Süddeutscher Zeitung hat Büntemeyer den Preisträger als "Querulant" und "Schizopath" betitelt, dessen Wahl sich schädlich auf interne Geschäftsbeziehungen der Kolbus AG auswirken könnte. Das Unternehmen ist eines der weltweit größten Hersteller von Buchbindemaschinen. Auch Büntemeyers Vorhaben, sich mit dem Candide-Preisträger auf der Frankfurter Buchmesse zu präsentieren, sei damit gestorben.

Preis soll nicht sterben

Voswinkel dagegen will den Preis nicht sterben lassen: "Wir sind allerdings kein vermögender Verein, der in die Bresche springen kann." Deshalb sucht der Vorsitzende nach Auswegen. Einer wurde ihm gleich frei Haus geliefert: Jury-Mitglied Franziska Augstein, Tochter des Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein und Feuilletonistin der Süddeutschen Zeitung. Sie schlug vor, die notwendige Summe aus ihrem Privatvermögen zur Verfügung zu stellen.

Dem 68-jährigen Peter Handke wird von Kritikern eine Verharmlosung serbischer Kriegsverbrechen vorgeworfen. - © FOTO: DPA
Dem 68-jährigen Peter Handke wird von Kritikern eine Verharmlosung serbischer Kriegsverbrechen vorgeworfen. | © FOTO: DPA

Das lehnte Peter Handke allerdings ab, akzeptierte aber Voswinkels Vorschlag, den Preis ideell entgegenzunehmen. Nach Minden kommen wolle er aber dafür dann doch nicht.

Voswinkel hat dafür volles Verständnis. "Ich finde die Haltung Handkes sehr nobel, sowohl was die Ablehnung des Geldes von Franziska Augstein angeht, als auch den Candide-Preis ideell anzunehmen." Das, so Voswinkel, spreche für den Preis insgesamt und die Anerkennung, die er mittlerweile bundesweit gewonnen habe. Er werde jetzt wohl wieder auf die Suche nach einem Hauptsponsor gehen müssen.
In der Kolbus-Firmenzentrale – zwischen Rahden und Espelkamp gelegen – war gestern keine Stellungnahme von Kai Büntemeyer zu erhalten. Er weile seit einer Woche auf Geschäftsreise in Japan. "Ich habe schon mehrfach versucht, ihn zu erreichen, aber die Verbindungen dorthin sind denkbar schlecht", sagte Bettina Bürger vom Marketing-Service Mittwoch der NW. "Wir erwarten Herrn Büntemeyer am Freitag wieder zurück."

Politischer Eklat in Düsseldorf

Schon mehrfach hatte es in den vergangenen Jahren Streitigkeiten um den Österreichischen Autor geben (Veröffentlichungen 2011: "Die Geschichte des Dragoljub Milanovic’" und "Der große Fall"). Kritiker missbilligen vor allem Handkes Haltung zum Serbien-Konflikt.

2006 sollte Handke den erstmalig ausgelobten und mit 50.000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf erhalten; auch damals entbrannte zwischen den Jury-Mitgliedern und den Stadtvätern ein politischer Eklat. Daraufhin verzichtete Handke freiwillig auf den Preis.

Um diese Erfahrungen wusste die Jury des Candide-Preises, die sich neben Voswinkel aus Michael Scholz (Vorsitzender des Literarischen Vereins Minden), der Schriftstellerin Katja Lange-Müller, Richard Kämmerlings (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Franziska Augstein zusammensetzt.

Trotzdem ist die Wahl Anfang September auf den 68-Jährigen gefallen. Voswinkel erklärt, warum: "Peter Handke hat die Literatur immer als etwas sehr Ernsthaftes betrachtet. Das hat er bis heute durchgehalten. Mit außerordentlichem Talent." Bereits als sehr junger Autor habe Handke der "Gruppe 47", eine Vereinigung großer deutscher Autoren, vorgeworfen, dass sie "nur noch läppische Bücher schreiben". Handke habe auf die Bedeutung der Literatur immer wieder hingewiesen. Und letztlich hat sich Handke "klar durchgesetzt."

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