Omar El-Saedi (v. l.), Stefan Imholz, Oliver Baierl, im Hintergrund Thomas Wolff. Szene aus der Bielefelder Uraufführung von Tom Peuckerts Stück "Gedächtnisambulanz". - © FOTO: PHILIPP OTTENDÖRFER
Omar El-Saedi (v. l.), Stefan Imholz, Oliver Baierl, im Hintergrund Thomas Wolff. Szene aus der Bielefelder Uraufführung von Tom Peuckerts Stück "Gedächtnisambulanz". | © FOTO: PHILIPP OTTENDÖRFER

Tom Peuckerts neues Stück "Gedächtnisambulanz" in Bielefeld uraufgeführt

Fallstricke des Gedächtnisses

VON MARIA FRICKENSTEIN

Bielefeld. Eine Gedächtnisambulanz, die gibt es zum Beispiel in Bielefeld, in der Universität bei Professor Hans J. Markowitsch. Der Berliner Theaterautor Tom Peuckert war zwar niemals dort, fand aber durch eigene Beobachtungen und Recherche genug Stoff für sein Stück "Gedächtnisambulanz".

Das Gehirn ist Steuerzentrale für alles, was wir denken und tun, wahrnehmen und fühlen. Ins Gewicht fällt die Einzigartigkeit besonders dann, wenn eine Funktion wie zum Beispiel das Gedächtnis nicht perfekt funktioniert, und das kommt oft genug vor. "Es liegt mir auf der Zunge" oder "Ich hab‘s gleich" heißt es dann. Vom Erinnern und Vergessen, vom Erleben, Erfinden und Umlernen handelt das am Samstag im Bielefelder Theater am Alten Markt uraufgeführte kurzweilige Stück.

In einer "Notaufnahme für Erinnerungskranke" sitzen eine Frau (Therese Berger) und vier Männer (Stefan Imholz, Oliver Baierl, Omar El-Saeidi, Thomas Wolff). "Ich bin das Zungenphänomen. Ich bin die Konfabulation. Ich bin die Gedächtnisblockade", sagen sie ihre Diagnosen auf. Es gibt die Geschichte vom Ossi, der über den genehmigten Ostseeurlaub mit seiner Familie völlig aus dem Häuschen ist. Seine Hausschuhe für die Reise hat er vergessen, und diese scheinbare Kleinigkeit facht seinen lange unterdrückten Zorn an, der sich in der Diktatur aufgebaut hat. Thomas Wolff lotet wunderbar den Spielraum seiner Figur des "ewigen Ossis" aus.

Ein zweite Geschichte schildert eindrücklich, wie das Gedächtnis funktioniert. Eine schwangere Frau (Therese Berger) will sich von ihrem Partner (Oliver Baierl) trennen, weil sie in ihm keinen guten künftigen Vater sieht: "Du bist vom Mittelmaß der Mittelpunkt." Letztlich sind sich die Familienmitglieder mehr ähnlich als fremd.

Der Regisseur und Komponist Patrick Schimanski inszenierte das Stück mit Tempo und spielte selbst zurückhaltend, aber pointiert Schlagzeug und Synthesizer. Schimanski lässt die Figuren manchmal auf der Stelle treten, mal im Chor singen, mal einzelne erinnerte Verse singen. Das Bühnenbild von Fabian Siepelmeyer transportiert mit seinem Memory-Fußboden sehr schön das Motiv der Erinnerung. Auch die Konzeption, das Stück als eine Art Revue zu zeigen, passt exakt, denn die Lieder aus der Jugend kennen selbst Menschen mit Demenz oftmals noch. Die Kostüme von Kamilla Grochowski betonen mit den farbigen T-Shirts und den dazu passenden Schnürsenkeln das persönliche Erleben, das in der Gemeinschaft einen Platz hat.
Die nächsten Vorstellungen: 6., 9., 18., 24. Juni; 19. und 21.7. Karten: (0521) 555-444.

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