Nazan Eckes über Integration und Zusammenleben

RTL-Moderatorin erklärt im Interview, was ihr Glaube, Toleranz und Herkunft bedeuten

Nazan Eckes hat ein Buch geschrieben - und wirbt darauf mit ihrem Gesicht. - © FOTO: DPA
Nazan Eckes hat ein Buch geschrieben - und wirbt darauf mit ihrem Gesicht. | © FOTO: DPA

Bielefeld. Sie ist die Allzweck-Waffe von RTL, eine der beliebtesten Moderatorinnen Deutschlands: Nazan Eckes (34), als Kind türkischer Einwanderer in Köln geboren. In ihrem Buch "Guten Morgen, Abendland" hat sie über das Leben in einer Zuwandererfamilie geschrieben. Ariane Mönikes sprach mit ihr über die aktuelle Migrationsdebatte, ihren Glauben und Fußball-Star Mesut Özil.

Frau Eckes, sind Sie eine Supertürkin?
NAZAN ECKES: Nein, definitiv nicht. Ich trage ja auch kein Superman-Kostüm. Supertürkin klingt nach perfekt, aber davon bin ich weit entfernt.
Weil Sie früher für Ihren Glauben gelogen haben, im Kindergarten schwindelten, Sie würden kein Schweinefleisch mögen . . .
ECKES: Zum Beispiel. Das war damals einfach ein kindlicher Umgang mit befremdlichen Situationen. Heute würde ich das nicht mehr tun. Es waren damals einfach beide Seiten überfordert. Diese anerzogene religiöse Einstellung ist aber nach wie vor tief in mir verankert.
Wie macht sich das bemerkbar?
ECKES: Vor etwa einem Jahr war ich in Wien im Stephansdom. Ich hatte die ganze Zeit über so ein kribbeliges Gefühl und habe mich gefragt, ob ich für meine Religion das gleiche Interesse mitbringe. Ich hatte ein schlechtes Gewissen.
Wie leben Sie den Islam heute?
ECKES: Ich lebe ihn nur passiv, praktiziere den Glauben nicht.
Fasten Sie?
ECKES: Nein, das lässt sich mit meinem Beruf nicht vereinbaren. Dann würde ich im Studio in Ohnmacht fallen.
Sie sind eine Migrantin mit Kampfgeist, haben sehr jung Karriere gemacht. Was unterscheidet Sie von anderen Türken?
ECKES: Das sind nur Kleinigkeiten, die aber den großen Unterschied machen. Ich habe im Kindergarten sehr schnell die deutsche Sprache gelernt, war schon als Kind sehr ehrgeizig, wollte mich durchsetzten, mitreden. Ich hatte den Willen, die Möglichkeiten auch zu nutzen, die mir dieses Land bietet. Das habe ich von meinem Vater geerbt.
In Ihrem Buch schreiben Sie, das Zusammenleben von Deutschen und Türken sei wie eine arrangierte Ehe . . .
ECKES: Das ist mir spontan eingefallen. Ich habe versucht, mir selber diese Beziehung zu erklären. Tatsache ist, man hasst sich nicht, aber man liebt sich auch nicht. Man sich an den anderen gewöhnt und nimmt ihn hin. Das ist wie in einer Beziehung: Es gibt da Dinge, die einen nerven, zunächst sagt man nichts und dann kommt es hoch.
So wie in der aktuellen Migrationsdebatte . . .
ECKES: Genau. Als ich vor eineinhalb Jahren angefangen habe, das Buch zu schreiben, habe ich natürlich nicht an diese harte Debatte, wie sie zur Zeit geführt wird, gedacht. Es war ein Zufall, dass das Buch zu dieser Zeit erschien. Ich hoffe, dass die Debatte aktuell bleibt.
Warum?
ECKES: Integration ist mir eine Herzensangelegenheit. Das Thema wird mich wahrscheinlich ein Leben lang begleiten.
Vergangene Woche haben Sie Mesut Özil den Bambi für Integration überreicht. Wie wichtig sind Leitfiguren wie er für die Debatte?
ECKES: Er ist eine wahnsinnig wichtige Symbolfigur. Als er beschlossen hat, für Deutschland Fußball zu spielen, hat er sich zu diesem Land bekannt und damit ein Zeichen gesetzt, dass er sich nicht als Gast sieht. Das hat ihm in Deutschland Respekt eingebracht, aber auch in der Türkei.
Haben Sie jemals Ihre Herkunft verleugnet?
ECKES: Nein, nie. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass ich mich für meine Herkunft nicht schämen muss. Die Türkei ist ein sehr vielfältiges Land, ich bin gerne dort.
Sie haben als Kind zuhause türkisch gesprochen. War es damals ein ständiges Hin- und Herspringen zwischen zwei Welten?
ECKES: Absolut. Und ich musste mir auch erst klarmachen, dass es keine klare Einordnung im Leben gibt: Es ist unmöglich, wenn man in zwei Kulturen aufwächst, sich festzulegen. Ich finde diese Zwischenwelt ganz schön, darin fühle ich mich wohl. Heute, wo sich Kulturen und Religionen vermischen, kann man überall zu Hause sein. Und ich bin es dort, wo ich mich menschlich und beruflich entfalten kann. Das kann in ein paar Jahren die Türkei sein, oder auch Griechenland.
Warum hatten Sie nie ein Problem, sich zu integrieren?
ECKES: Natürlich gab es immer wieder Probleme, aber ich wollte nicht, dass mein Leben problembehaftet ist. Ich habe immer ein Lebensziel verfolgt, da spielt auch das Auftreten und Selbstbewusstsein eine große Rolle. Mein Vater hat Wert darauf gelegt, dass ich in der Schule gut bin, meine Mutter hat den sozialen Aspekt gefördert.
Warum funktioniert das nicht in allen Migranten-Familien?
ECKES: Wir waren keine Ausnahme. Es gibt viele Familien, die sich integrieren, aber sie fallen in der Gesellschaft nicht auf. Es wird nur auf die geschaut, bei denen es nicht klappt.

Information
Karriere bei RTL

Nazan Eckes wurde am 9. Mai 1976 in Köln geboren. Ihre Medienkarriere begann 1996 beim Musiksender VIVA, im Anschluss daran wechselte sie zu RTL, wo sie unter anderem die Sendungen "Explosiv-Weekend", "Formel Exclusiv" und "Let’s dance" moderierte. Von 2000 bis 2007 war sie mit dem Werbeunternehmer Claus Eckes verheiratet. Seit 2008 ist sie mit Julian Khol, einem österreichischen Model liiert. (ari)




Nazan Eckes: Guten Morgen, Abendland, Lübbe, 14, 99 Euro.

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