In den 1920er Jahren ließ die Westfalenhütte diese Häuser für ihre Arbeiter bauen. Links neben dem Torbogen ist der Stadtteiltreff. - © FOTO: SABITHA SAUl
In den 1920er Jahren ließ die Westfalenhütte diese Häuser für ihre Arbeiter bauen. Links neben dem Torbogen ist der Stadtteiltreff. | © FOTO: SABITHA SAUl

Bleiben und Schreiben für ein Jahr

Das Experiment "2-3 Straßen" will Problemstadtteile im Ruhrgebiet beleben / Gütersloher machen mit

VON STEFAN BRAMS

Dortmund. Peter Krüger war Betriebsratschef bei Miele. Jetzt ist er der 78. Teil eines Kunstprojekts. Seine Heimat Gütersloh hat der 63-Jährige dafür verlassen. Für ein Jahr ist er zusammen mit seiner Frau Barbara (60) nach Dortmund gezogen in die Dreher Straße 11. Mietfrei können sie hier mitten in dem alten Arbeiterstadtteil in der Nordstadt wohnen. Ihre Gegenleistung: Sie schreiben täglich an einem großen Tagebuch mit, sind öffentliche Personen und Teil des faszinierenden Ausstellungsexperiments "2-3 Straßen".

"Ich stelle mir vor, dass die ganze Gesellschaft ein großer Schriftsteller ist und dass sich während eines Jahres aus den Beiträgen vieler Menschen ein Text entstehen kann, der der Betrachtung und Kenntnisnahme würdig ist", formuliert Jochen Gerz (70), Documenta-Teilnehmer und Leiter des Kulturhauptstadtprojekts "2-3 Straßen".

Aus mehreren tausend Bewerbern aus aller Welt hat Gerz 78 Teilnehmer ausgewählt und nach Dortmund, Duisburg und Mühlheim eingeladen, um dort ein Jahr als Neubürger mitten unter den Einheimischen zu wohnen - und das nicht in Nobelvierteln, sondern in ehemaligen Arbeiterquartieren, in Straßen ohne Sehenswürdigkeiten mit hoher Arbeitslosigkeit. Ziel der Aktion: Die Straßen zu verändern, die Altbewohner zum Mitmachen zu bewegen, selbst aktiv zu werden - in ihrem Wohnumfeld.

"Eben das hat uns gereizt", sagt Barbara Krüger, "dass wir direkt unter den Menschen dort leben und Teil dieses Experiments sind." Dafür haben die beiden Rentner ihr Reihenhaus im beschaulichen Gütersloh gegen ein 67 Quadratmeter große Wohnung in der Nähe des quirligen Dortmunder Borsigplatzes eingetauscht. Discount-Läden dominieren hier, Imbissbuden, Handyläden, viele kleine türkische Geschäfte und Trinkhallen, wo auch an diesem frühen Morgen schon das ein oder andere Bier getrunken wird. "47 Prozent der Bewohner hier haben einen Migrationshintergrund", erzählt Peter Krüger. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, einst gab die direkt an die Wohnungen angrenzende Westfalenhütte 20.000 Menschen Arbeit. Krüger: "Heute sind es noch 1.800 Menschen." Die Auswirkungen auf den einstigen Arbeiterstadtteil, wo vor 100 Jahren der Ballverein Borussia Dortmund gegründet wurde, sind immens: Wohnungsleerstand, Arbeits- und Perspektivlosigkeit dominieren. Mit Kunst gegen die Resignation - geht das?

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