Rirkrit Tiravanija, der kochende Künstler, inmitten seiner Installation "Spaghetti Western". - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Rirkrit Tiravanija, der kochende Künstler, inmitten seiner Installation "Spaghetti Western". | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Kunsthalle Bielefeld widmet Rirkrit Tiravanija eine sehenswerte Ausstellung

Über den Herd zur Kunst

VON STEFAN BRAMS

Bielefeld. Rirkrit Tiravanija ist der Koch unter den Künstlern. Und längst ein mit zahlreichen Preisen bedachter Star in der internationalen Kunstszene. Starallüren hat er indes nicht. Bescheiden steht er am Rand, schaut hier, schaut dort, blättert im Kochbuch, das zu seiner Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle erscheint, kommentiert seine bereits aufgebauten Installationen beim Presserundgang nicht, sagt lediglich: "Das ist eine schöne Schau, aber ich würde sie nicht machen."

Museal zu werden, scheint dem 1963 als Kind thailändischer Eltern in Buenos Aires geborenen Tiravanija (noch) nicht zu behagen. Will er doch eine Kunst, die benutzt werden kann, eine Kunst, die Menschen zusammenführt, sie miteinander kommunizieren lässt. Kunst, die das nicht erfüllt, ist für den Diplomatensohn, der in New York und Chicago studiert hat und in Argentinien, Bangkok, Äthiopien und Kanada aufgewachsen ist, keine. Und so wird in der Bielefelder Kunsthalle nicht nur bei der Eröffnung an diesem Sonntag um 11.30 Uhr gekocht werden, sondern immer sonntags und mittwochs. "Es gibt einfache Gerichte wie Curry und Suppen, Tee und Kaffee", betont Kunsthallen-Direktor Thomas Kellein.

Man mag sich fragen, was daran nun Kunst ist. Tiravanija sagt dazu im Gespräch lediglich: "Natürlich ist Kochen nicht gleich Kunst, es ist die Idee, die dahinter steckt." Die Installationen gleichen Versuchsanordnungen eines Kochs zum Thema Zusammenprall der Kulturen. Ein Herangehen, das sich aus Tiravanijas Biografie erklärt. Kellein nennt seinen Ansatz: "Über den Herd zur Kunst finden."
Eine Installation aus dem Jahr 1993 spielt – einer ärmlichen Küche nicht unähnlich – mit dem Film "Drachenfalter" von Bernd Schütte.

 Dieser Film, der in der nachgestellten Küche läuft, erzählt die Geschichte eines China-Restaurants in Deutschland, in dem absurder Weise kein Chinese arbeitet und ein Afrikaner in der Küche sagt: "Wer Deutscher sein will, muss Flädlesuppe kochen können." Tiravnija nimmt das auf, lädt die Besucher ein, sich selbst Flädle-Suppe zu kochen. Die Zutaten stehen bereit. Doch die Gäste müssen damit rechnen, dass er höchst persönlich Curry hinein gibt. So wird der Zuschauer hineingezogen in seine Kunst, in die Fragen, die der Künstler aufwirft nach kultureller Identität, Zusammenprall von Kulturen und Zugehörigkeit.

Auch in den weiteren Kunstwerken wie "Spaghetti Western", eine großflächige Installation aus dem Jahr 2001, bestehend aus Gaskochern, Propangasflaschen, Besteck und Schälchen, wird der Besucher in eine fremde Welt hineingezogen und so gezwungen, sich dieser anderen Wirklichkeit zu stellen. Bei dieser Höllenküche dürften Debatten garantiert sein.

"Grauenvoll doppelbödig", sei Tiravanijas Kunst, betont Kellein und verweist auf die Installation einer einfachen Schlafstätte aus einer Matratze, einem Kissen und einer Decke, die an eine einfache Künstlerklause denken lässt. Doch an der Wand hängt ein echter Warhhol, Kunstbände liegen daneben, im TV läuft ein Warhol-Film. Ein Spiel mit seiner Identität als Künstler, Tiravanija verleibt sich mal eben Warhol ein, setzt sich zu dem großen Künstler in Beziehung. Eine Provokation.

Provoziert fühlt sich der Künstler aber auch selbst – von der Banken- und Wirtschaftskrise. Hunderte Zeitungsseiten, die sich mit diesen Themen befassen, hat er im September/Oktober 2008 auf große Leinwände aufgetragen und mit der provozierenden immer wieder auftauchenden Überschrift "Die Tage dieser Gesellschaft sind gezählt" überschrieben. Sie hängen zwischen seinen Installationen, stechen immer wieder ins Auge, zeigen den politischen Künstler, der er auch ist. Obwohl er das Leben eher als Muße begreift.

Tiravanija ist eben ein sehr doppelbödiger Künstler – für Diskussionsstoff ist ab Sonntag in der sehenswerten Ausstellung gesorgt.

Die Ausstellung wird am Sonntag, 11 Juli, um 11.30 Uhr eröffnet. Rirkrit Tiravanija wird kochen. Schalen für 800 Portionen stehen bereit. Zu sehen bis zum 10. Oktober. Öffnungszeiten: Di.-So. 11-18, Mi. 11-21 und Sa. 10-18 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein vom Künstler signiertes Kochbuch.

Links zum Thema
www.kunsthalle-bielefeld.de

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