Schiller alias Christopher von Deylen macht Musik, die die Seele berührt. Die Fans im Ringlokschuppen dankten es ihm mit stürmischem Beifall. - © FOTO: BARBARA FRANKE
Schiller alias Christopher von Deylen macht Musik, die die Seele berührt. Die Fans im Ringlokschuppen dankten es ihm mit stürmischem Beifall. | © FOTO: BARBARA FRANKE

Musiker Schiller im Ringlokschuppen

VON BABETT JAHN
18.05.2010 | Stand 17.05.2010, 18:19 Uhr

Bielefeld. Wer Schiller nur aus dem Radio kennt, wird von einem Live-Auftritt dieses Projekts allenfalls eine kleine Bühne mit vielen Synthesizern, Keyboards und ein paar Scheinwerfern erwarten. Im Ringlokschuppen bewies der Ausnahme-Künstler auf seiner "Atemlos"-Tour wieder einmal vor mehr als 2.000 Zuschauern, dass sich elektronische Musik ganz und gar nicht verstecken muss – nicht einmal optisch.

Beim Anblick der gigantischen Licht- und Soundinstallationen auf der Bühne und im Zuschauerraum erklärten sich die drei Trucks auf dem Parkplatz plötzlich von selbst. Auch stand Christopher von Deylen, wie Schiller eigentlich heißt, nicht allein auf der Bühne. Zwei Schlagzeuger, ein Bassist, ein Gitarrist und ein weiterer Keyboarder komplettierten die Live-Band – nicht zu vergessen die drei hübschen Damen am Mikrofon: Anggun, Kim Sanders und Kate Havnevik.

Doch obwohl man angesichts dieses Aufgebotes durchaus Großes hätte erwarten können, traf die absolute Perfektion des Auftritts völlig unvorbereitet. Denn sobald der erste Ton aus den Boxen klang und die Scheinwerfer den Ringlokschuppen in magisches Licht tauchten, hörte die reale Welt für die Dauer des Konzertes auf, zu existieren.

Allein der Pulsschlag der treibenden Bässe, die die große Halle des Ringlokschuppens erzittern ließen, versetzte das Publikum in kollektive Trance. Dabei hatte der Elektro-Meister noch nicht einmal viele Tanznummern im Gepäck, vielmehr überwogen vor allem ruhigere Stücke und Midtempo-Nummern. In Verbindung mit den Schiller-typischen, atmosphärischen Klangteppichen und seinen süchtig machenden Melodien entwickelte die Musik jedoch eine fast meditative Kraft.

Dafür sorgte vor allem von Deylens grandiose Live-Band, die der sonst so elektronischen Musik eine organische Note verlieh. Nicht zuletzt durch die Doppelbesetzung am Schlagzeug wirkten so selbst zurückhaltende Songs druckvoller und dynamischer.

Als ob die eingängigen Global-Pop-Nummern nicht bereits für sich genommen ein Kunstwerk wären, setzte Schiller außerdem auf den Wow-Effekt seiner Lichtshow. Und die hatte es in sich: Farblich und gestalterisch perfekt auf die Stimmung der einzelnen Stücke abgestimmte, auf den Punkt synchrone Lichtszenen verliehen den verträumten Klängen mehr Tiefe und unterstrichen die Emotionen der Texte.

Obwohl Schillers Musik dazu einlud, die Augen zu schließen und im Surround-Sound zu versinken, übte sie im Zusammenspiel mit der einzigartigen Lichtgestaltung noch mehr ihre hypnotische Faszination aus. So ließen sich die meisten Fans dann auch einfach in der Menge treiben, unfähig, ihren Blick von dem Schauspiel auf der Bühne zu lösen.

Als der sympathische Musiker sich schließlich nach der letzten Zugabe von seinen begeisterten Fans verabschiedete, war es, als erwachte man aus einem wundervollen Traum. Die Welt wirkte plötzlich härter, kälter und lauter als zuvor. Schiller live zu erleben, ist wie ein Urlaub für die Seele. Eine Flucht aus dem Alltag, die nur einen Nachteil hat: Sie ist viel zu kurz.

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