Eugene Tzigane neuer Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford

"Es ist schön hier"

VON ANKE GROENEWOLD
Eugene Tzigane 

neuer Chefdirigent - © KULTUR
Eugene Tzigane
neuer Chefdirigent | © KULTUR

Herford. Auf die Frage, was er denn aufregender findet: Neuer Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie zu sein – oder Ende Mai seine Verlobte, die Geigerin JoAnna Farrer, zu heiraten, anwortet Eugene Tzigane: Beides sei eine Beziehung und eine Verpflichtung – "zu heiraten ist natürlich langfristig".

An das Landesorchester mit Sitz in Herford hat sich der 28-Jährige gestern mit seiner Unterschrift für vier Jahre gebunden. NWD-Intendant Andreas Kuntze war 2008 beim Solti-Wettbewerb auf das junge Talent aufmerksam geworden.

Tzigane ist begeistert von "seinen" Musikern: "Das Orchester liebt, was es tut, und hat einen Hunger danach, großartig zu spielen." Und er schwärmt von der Wärme und Freundlichkeit des Orchesters, ja, der Ostwestfalen überhaupt. "Es ist schön hier." Mit der Nordwestdeutschen will er auf einen unverwechselbareren Orchesterklang hinarbeiten, das Niveau stetig erhöhen und neues Repertoire entdecken – "aber nicht alles wird neu", beruhigt er.

Eugene Tzigane probt mit der Nordwestdeutschen Philharmonie Dvoráks 9. Sinfonie "Aus der Neuen Welt". - © FOTO: FRANK-MICHAEL KIEL-STEINKAMP
Eugene Tzigane probt mit der Nordwestdeutschen Philharmonie Dvoráks 9. Sinfonie "Aus der Neuen Welt". | © FOTO: FRANK-MICHAEL KIEL-STEINKAMP

Persönlich schätzt er besonders deutsche und österreichische Komponisten. Er nennt Mahler, Brahms, Strauss, Wagner, aber auch Haydn, Mozart und Schubert. Aber in dieser Spielzeit stehen eben auch Debussy, Saint-Saëns, Tschaikowsky oder Schostakowitsch auf dem Spielplan. "Vielfalt ist sehr wichtig – für das Orchester wie für das Publikum". Wer ihn bei Proben beobachtet, sieht einen vitalen und hartnäckig am Detail feilenden Dirigenten, der auch mal zugibt: "Das war mein Fehler". Tziganes Dirigierstil ist klar und suggestiv.

Sein großes Vorbild ist Carlos Kleiber. Im Alter von 18 Jahren sah Tzigane einen Film über den österreichischen Dirigenten und war begeistert von dessen Kraft und Energie. Tzigane schätzt auch Herbert von Karajan, Otto Klemperer und Leonard Bernstein – "aber nur, wenn die Flamboyanz nicht die Kontrolle übernimmt". Tzigane hat nichts gegen einen effektvollen Dirigenten-Auftritt, "aber man kann da schnell zu weit gehen und dann wird es zu manipulativ". Tzigane hat bereits eine atemberaubende und rasante Karriere hingelegt, vor allem wenn man bedenkt, wie spät er überhaupt zur Musik fand.

Der Sohn einer japanischen Mutter und eines amerikanischen Vaters – beide leiteten je eine Firma – zog häufig um, wechselte ständig die Schulen. Er lebte in Kalifornien und neun Jahre in Japan, aber nicht am Stück. Als Zwölfjähriger war er gezwungen, in der Schule einen künstlerischen Kurs zu belegen. Tzigane wählte Musik und das Saxophon, zwei Jahre später kam das Fagott hinzu. Jazz war damals seine Lieblingsmusik.

Mit sinfonischer Musik kam er in Kontakt, weil sein Vater gern Soundtracks hörte. Erst der Film über Carlos Kleiber gab seinem Leben die Richtung. Nur zehn Jahre später leitet er selbst die Nordwestdeutsche, die schon für viele Dirigenten das Sprungbrett für die ganz große Karriere wurde. Das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und das ständige Umherziehen hätten ihn gezwungen, offen und flexibel zu sein und sich immer wieder neu anzupassen – "das ist ein Vorteil beim Dirigieren".

In seiner Freizeit tanzt Tzigane Tango mit seiner Zukünftigen, die er während des Studiums an der Elite-Schmiede Juilliard kennengelernt hatte. Die beiden leben mit ihrem Zwergspaniel Lola Mae in New York. Tzigane ist an allen Kunstformen interessiert, freut sich auf das MARTa ebenso wie auf einen Live-Mal-Wettkampf im Big Apple. Zur Entspannung schaut er gern Stand-up-Comedy oder politische TV-Satire wie Jon Stewarts "Daily Show".

Und an was glaubt der 28-Jährige? "Dass wir alle verbunden sind auf diesem Planeten." Der direkte menschliche Kontakt gehe im digitalen Zeitalter verloren. Ihn über Musik herzustellen, daran will Tzigane mit der NWD arbeiten. "Ich suche nicht nach der technisch perfekten Performance. Wenn sie gelingt, schön, aber mir geht es vor allem um eine menschliche Performance – darum, dass das Publikum etwas versteht oder fühlt."

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