Maik Weichert, Grundungsmitglied der Metalcore-Band Heaven Shall Burn, hier in der Wohnung seiner Mutter in Weimar. - © FOTO: JÜRGEN KRÜGER
Maik Weichert, Grundungsmitglied der Metalcore-Band Heaven Shall Burn, hier in der Wohnung seiner Mutter in Weimar. | © FOTO: JÜRGEN KRÜGER

Gegen die Lügen dieser Welt

Links und grün: Die Metalcore-Band "Heaven Shall Burn" tritt heute in Herford auf

VON JÜRGEN KRÜGER

Weimar/Herford. Mainstream geht irgendwie anders. Aber es war auch nie Maik Weicherts Absicht, mit der Herde zu laufen. Im Gegenteil: Gerechtigkeit und Widerstand, Kampf gegen Faschismus, Rassismus und Respekt gegenüber der Natur sind die Themen, die den Gründer und Kopf der Metalcore-Band "Heaven Shall Burn" antreiben. Heute Abend gastieren die Thüringer im Herforder Club "X".

In Ostwestfalen tritt die derzeit bekannteste deutsche Metalcore-Band erst zum zweiten Mal auf. "Vor einigen Jahren waren wir mal in Bielefeld", sagt Weichert, der mit Heaven Shall Burn Anfang Dezember an der weltumspannenden "Taste-of-Chaos-Tour" teilnahm, sich aufgrund zeitlicher Probleme allerdings mit Auftritten in Berlin, Wiesbaden, München und Oberhausen begnügte.

Heaven Shall Burn zählt derzeit zu den wichtigsten Vertretern ihres Genres in Deutschland. Die fünf Musiker bestechen mit einem Mix aus Hardcore, Death- und Trash-Metal. Ihr Konzerte sind meistens ausverkauft, sie treten weltweit vor gigantischen Zuschauermengen auf und haben es bis auf die Hauptbühne des weltgrößten Metal-Festivals im ostfriesischen Wacken geschafft. Knapp 70.000 Menschen verwandeln das bereits zu Filmehren ("Full Metal Village") gelangte Dorf im Norden der Republik Jahr für Jahr in ein Zentrum der härtesten Musik der Welt.

Wer Heaven Shall Burn zum ersten Mal hört und bislang mit Metalcore nichts im Sinn hatte, kann zunächst nicht glauben, dass das überhaupt Musik sein soll. Sehr laut, scheinbar ohne Melodien, schnellstes Schlagzeug und eine raue Stimme, die der eines Tierstimmen-Imitators gleicht, der versucht, einen ertrinkenden Bären nachzumachen. Ohne Alkohol und Drogen, könnte man meinen, ist diese Art von Musik nicht zu produzieren. Doch der Schein trügt.

Alle Bandmitglieder leben vegan und verzichten auf Alkohol. Maik Weichert (E-Gitarre), Alexander Dietz (E-Gitarre), Eric Bischoff (E-Bass), Matthias Voigt (Schlagzeug) und Marcus Bischoff (Gesang) sind fünf junge Männer aus Thüringen, alle um die dreißig Jahre alt. 1997 im ostdeutschen Saalfeld an der Saale fingen sie an, Musik zu machen. Alexander Dietz stieß allerdings erst 2005 zur Band, als Gründungsmitglied Patrick Schleitzer Heaven Shall Burn verließ. "Wir sind nicht das Ergebnis eines Castings, sondern fünf Freunde", sagt Maik Weichert, der sein Jura-Studium abgeschlossen hat und derzeit an der Uni Erfurt an seiner Dissertation arbeitet. Thema: Kunstfreiheit im Verfassungsrecht. Keiner der fünf ist Profi-Musiker. Sänger Marcus Bischoff, der sich seine markante Stimme übrigens mit viel Gesangsunterricht erarbeitet, ist Krankenpfleger, Eric Bischoff Ergotherapeut, und Matthias Voigt studiert Betriebswirtschaftslehre. Nur Alexander Dietz bewegt sich mit seinem Tonstudio in der Nähe der Musikbranche.

Politik interessiert sie alle, denn sie sind Kinder als 1989 die Mauer fällt. Von einen Tag auf den anderen weicht der Sozialismus dem Kapitalismus. Ihnen wird das westdeutsche Schulsystem übergestülpt, die Marktwirtschaft fällt über Nacht in die ehemalige DDR ein. "Wir konnten uns anpassen, aber wir haben ältere Menschen gesehen, die Probleme hatten, einfach auf Marktwirtschaft umzuswitchen", sagt Weichert, der in seinem Geburtsort Weimar lebt. Sein Vater, ein überzeugter Sozialist, hat zur Zeit der Wende die fünfzig überschritten und droht, an der neuen Ordnung zu zerbrechen. Viele scheitern tatsächlich. Diese Erfahrungen brennen sich in die Köpfe der fünf Musiker ein. Sie gewöhnen sich einen kritischen Blick an, lassen sich nicht von schönen Bildern blenden, schauen genauer hin und verarbeiten die Lügen dieser Welt in ihren Liedern. Die sind auf englisch verfasst, komponiert und geschrieben von Maik Weichert. "The Weapon They Fear" (Die Waffe, die sie fürchten) gedenkt Victor Jaras, einem chilenischen Musiker, der 1973 von den Pinochet-Schergen ermordet wird.

Die Band ordnet sich politisch links ein. "Und grün", sagt Maik Weichert. Als die augenscheinlichsten Probleme dieser Welt bezeichnet der 31-Jährige die Umweltzerstörung, die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit zwischen Nord- und Südhalbkugel und die weltweite Ausbeutung des Individuums in den Wirtschaftssystemen. Die Fans werden diese Themen sicherlich auch im fünften Album von Heaven Shall Burn wiederfinden, das im Frühjahr 2010 erscheinen soll.

"Heaven Shall Burn" spielt heute Abend im Herforder Club "X", Bünder Straße 82-86.

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