Der Paderborner Soziologe Frank Benseler in seiner Bibliothek. - © FOTO: REINHARD ROHLF
Der Paderborner Soziologe Frank Benseler in seiner Bibliothek. | © FOTO: REINHARD ROHLF

Parteigänger der Aufklärung

Der Paderborner Soziologe Frank Benseler bringt neue Lukács-Werkauswahl heraus

VON MANFRED STRECKER

Paderborn/Bielefeld. Für die Reifung der Bundesrepublik ist die Rolle des Paderborner Sozialwissenschaftlers Frank Benseler nicht zu überschätzen. Als Chef-Lektor des Luchterhand-Verlags versorgte er in den 60er Jahren das kritische Publikum mit Literatur.

Herbert Marcuses "Eindimensionaler Mensch", woraus die Studentenbewegung die Idee der "großen Verweigerung" zog, veröffentlichte er wohlfeil; ebenso "Strukturwandel der Öffentlichkeit" von Jürgen Habermas, der den Aktionismus der "außerparlamentarischen Opposition" (APO) scharf verurteilte.

Benseler hat sich bis heute nur einer Parteilinie verschrieben, der des parteilosen radikalen Aufklärers. Später in diesem Jahr wird er 80 Jahre alt, ein Geburtstag, den er in Stille feiern möchte. Schon jetzt bescherte er sich ein Geschenk dazu. Im Bielefelder Aisthesis-Verlag ist unter seiner Mitherausgeberschaft der erste Titel einer Werk-Auswahl des ungarischen Philosophen Georg Lukács (1885–1971) erschienen. Neben Theodor W. Adorno, dem Exponenten der "Kritischen Theorie", und Ernst Bloch gehört der wegen Bekenntnisse zum Kommunismus für manche anrüchige Lukács zu den prägenden Denkern des 20. Jahrhunderts. "Ohne Lukács ist der westliche Marxismus nicht zu verstehen", sagt Benseler.

Verlust von Sinn

Der erste Band der neuen Werkauswahl stammt aus der vormarxistischen Zeit des in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Lukács, der einmal zum Heidelberger Kreis des Soziologen Max Weber zählte. In der "Theorie des Romans" von 1916, einem fulminanten essayistischen "Seminarklassiker" der ästhetischen Theorie, legt Lukács dar, wie der bürgerliche Romanheld aus der Welt fällt. Dieser Verlust von Sinn, von Lukács auf die Formel "transzendentale Obdachlosigkeit" gebracht, ist das Kennzeichen der Moderne.

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Brandschäden im Lukács-Archiv

Kurz nach dem Gespräch mit Frank Benseler ereilte den Soziologen und sein Lukács-Archiv in seinem Haus in Borchen einen gravierenden Schlag. Nach Dacharbeiten, bei denen das Haus Feuer fing, wurde die mehr als 20.000 Bände umfassende Bibliothek beschädigt, Archivmaterialien über Lukács wurden in Mitleidenschaft gezogen. Forschungen für die Neuausgabe eines Lukács-Hauptwerks, die "Ontologie", müssen nun neu erarbeitet werden. (rec)

In der Werkreihe wird auch eine Auswahl aus dem wirkungsreichen Lukács-Werk, "Geschichte und Klassenbewusstsein" (1923), erscheinen. Unter dem Stichwort "Verdinglichung" analysierte der Philosoph die Tendenz des Kapitalismus, alle menschlichen Beziehungen – aktuelles Stichwort: Neoliberalismus – dem Markt zu unterwerfen. Die in der Essaysammlung aufgeworfene Frage, wie sich ein Intellektueller zur Arbeiterklasse stellen könne, machte Lukács ebenso zu einem der Denker, mit dem sich die Studentenbewegung auseinandersetzte; ein im Aisthesis-Verlag erschienener Band, "Lukács und 1968", versammelt dazu Stimmen damaliger Protagonisten.

Benseler, 1972 an die Uni Paderborn berufen, war auf Lukács durch dessen "Zerstörung der Vernunft" (1953) gestoßen – ein berühmtes, wegen manch grobschnittiger Herleitung berüchtigtes Werk, wonach die deutsche Philosophie nach Hegel mit ihrer Vernunftfeindlichkeit Hitler den Weg bereitet hätte.

Testamentarischer Rechteinhaber

Benseler fasste damals den Plan, bei Luchterhand eine Lukács-Gesamtausgabe herauszubringen. Freundschaftliche Beziehungen mit Lukács bahnten sich an, der Benseler testamentarisch zum Rechte-Inhaber bestimmte. Nach einigen Eigentümerwechseln hat Luchterhand das fast beendete Vorhaben aufgegeben; Aisthesis hat bereits einen Band herausgebracht, will auch noch die zwei weiteren fehlenden Bände folgen lassen.

"Man war nah dran am Puls der Zeit", so erinnert sich Benseler an die Zeit als Verlagslektor, die ihm weit mehr Einflussmöglichkeiten gegeben habe als die Tätigkeit als Hochschullehrer. Der Gegendenker ließ sich von widerständigen Vorhaben aber nicht abhalten. 1990 gründete er eine Zeitschrift mit einem außergewöhnlichen Konzept. Autoren werden gebeten, zu einem Thema – etwa "Über die Schwierigkeit, aus Fehlern zu lernen" – einen wissenschaftlichen Aufsatz zu verfassen, zu dessen Kritik weitere Autoren eingeladen werden. So wird jedes der jährlichen vier Hefte von "Erwägen – Wissen – Ethik" zu einem "Streitforum für Erwägungskultur".

Leicht werde unter wachsendem Entscheidungsdruck die Prüfung von Alternativen vernachlässigt, sagt Benseler. Er will als Kriterium für die Richtigkeit einer Entscheidung die Anzahl erwogener Alternativen ins Spiel bringen. "Wir müssen Bedächtigkeit zurückgewinnen."

  • Georg Lukács: Theorie des Romans. 150 S., 14.50 Euro. R. Dannemann (Hg.): Lukács und 1969. 357 S., 29.80 Euro. Aisthesis.
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