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Der Bielefelder Satiriker und Kolumnist Hans Zippert (66) schenkte sich das erste Dreck-Magazin zum Abitur. - © Norbert Miguletz
Der Bielefelder Satiriker und Kolumnist Hans Zippert (66) schenkte sich das erste Dreck-Magazin zum Abitur. | © Norbert Miguletz

Satire Das legendäre Bielefelder "Dreck"-Magazin ist reif fürs Archiv

Zeitdokument: Bielefelder Satiriker übergeben das Redaktionsarchiv des Magazins aus den Jahren 1978 bis 1984 an das Stadtarchiv

Anke Groenewold
14.08.2019 | Stand 14.08.2019, 15:20 Uhr

Bielefeld. Auch so kann man das bestandene Abitur feiern: Als Hans Zippert es 1978 nach dreimaligem Sitzenbleiben am Ratsgymnasium endlich über die Ziellinie schaffte, jubelte er literarisch: Die 150 Exemplare seines Dreck-Magazins hatte er im Copy-Shop fotokopiert. „Das Magazin war sehr lustig", erinnert sich sein Mitschüler, der Autor Christian Y. Schmidt, an die erste Ausgabe. Alles, was den Satiriker und Kolumnisten Hans Zippert ausmacht, sei in einer Nussschale schon damals vorhanden gewesen. Das Dreck-Magazin schlug ein. Christian Y. Schmidt sowie Andreas Fritz Tietz und Harald Lippert vom FRAPP-Theater stießen zu Zippert, und die Truppe legte nach. Es ging steil bergauf. Das Heft erhielt schnell das Etikett „legendär". Bis 1984 verkauften sich 15 gedruckte Ausgaben, die letzte hatte eine Auflage von 3.000 Exemplaren. Erscheinungsweise: „So vierteljährlich wie möglich", was aber nie klappte. Jetzt schließt sich der Kreis Für die vier jungen Männer war das Bielefelder Dreck-Magazin das Sprungbrett zum großen Frankfurter Satire-Magazin Titanic, und es markierte den Beginn großer Autoren-Karrieren. Zippert hat die tägliche Kolumne „Zippert zappt" in der Welt und ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt „Zippert steigt auf". Schmidt schreibt für diverse Zeitungen sowie den Blog Riesenmaschine und ist Autor mehrerer Bücher („Der letzte Huelsenbeck"). Fritz Tietz schreibt ebenfalls für Zeitungen, belieferte TV-Formate (u.a. Extra Drei), ist Filmemacher („Dieter-Therapie" ist 26 Jahre alt, wird aber immer mal auf Youtube wiederentdeckt) und Zeremonienmeister für Prinzessinnenreporter.de. Jetzt schließt sich der Kreis. Am 30. August werden Zippert, Schmidt und Tietz – Lippert lebt nicht mehr – den Nachlass des Dreck-Magazins an das Bielefelder Stadtarchiv geben. „Damit es nicht irgendwann auf der Müllkippe landet", sagt Schmidt. Die „vier bis fünf Bananenkisten" bringt der Künstler Rüdiger Stanko, Layouter und Grafiker des Dreck-Magazins, aus Hannover mit. In dessen Keller waren sie vor geraumer Zeit gelandet, nachdem sie zunächst bei Schmidt, dann bei dessen Eltern und in Hans Zipperts Garage in Oberursel untergebracht waren. In manche Ausgaben echten Dreck geklebt Und was ist drin? So ganz genau weiß Schmidt das auch nicht mehr. Sicher ist, dass die Kisten Fotos, Korrespondenz, Abrechnungen und Druckvorlagen bergen – auch die einer Ausgabe, die nie erschienen ist und zu der der selbsternannte Humorfacharbeiter Dietmar Wischmeyer („heute show") einen Text beisteuerte. Schmidt hofft auch auf Gimmicks von damals. „Wir haben in manche Ausgaben echten Dreck geklebt", sagt er. Politisch sei das Magazin weniger gewesen. „Das ging eher in eine literarisch-experimentelle Richtung, eine Mischung aus Satire, Surrealismus und Dada". Das Dreck-Magazin habe beispielsweise in einem Manifest die Kunstrichtung des Digitalismus erfunden, als noch keiner von digital gesprochen habe. „Ziel war es, die Leute zu verwirren." "Dreck haben wir genug selbst zu Hause" Die Dreck-Macher haben die Hefte selbst unters Volk gebracht und gingen dafür auf Kneipentour – nicht nur in Bielefeld. Schmidt erinnert sich noch gut daran, die Hefte nach Münster gebracht zu haben. Standardspruch von Kneipengängern, die vom Magazin nichts wissen wollten: „Dreck haben wir genug selbst zu Hause." Im Plattengeschäft „Scheißladen" des Bünder Sängers Norbert Hähnel (Der wahre Heino) gingen zwischen 30 und 50 Exemplare pro Ausgabe über die Theke. Bei drei Ausgaben gingen sogar je drei Exemplare an einen „Vertriebsleiter" in New York. Bielefeld, Berlin, New York. Bernd Wagner vom Stadtarchiv erinnert sich noch gut daran, Anfang der 80er-Jahre überall in der Stadt den mit Schablone gesprühten „Dreck"-Schriftzug gesehen zu haben. Auch er ist gespannt auf das Geschenk. "Ein schönes Zeitdokument" Wagner ist sich sicher, dass das Archiv der Dreck-Redaktion ein „schönes Zeitdokument" ist. Die Materialien werden die Sammlung zu alternativen Strukturen und sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre bereichern. Das bedeutet auch: „Das Material steht jetzt der Forschung zur Verfügung."

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