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Faszination Mondlandung: Peter Eickmeyer mit seiner Graphic Novel und großformatigen Zeichnungen. Foto: Wolfgang Rudolf - © Wolfgang Rudolf
Faszination Mondlandung: Peter Eickmeyer mit seiner Graphic Novel und großformatigen Zeichnungen. Foto: Wolfgang Rudolf | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Mondlandung: „Es war ein Ritt auf der Rasierklinge“

Bei Graphic-Novel-Autor Peter Eickmeyer (55) löste das Ereignis vor 50 Jahren eine bis heute anhaltende Faszination für Astronomie und Raumfahrt aus

Anke Groenewold
20.07.2019 | Stand 20.07.2019, 08:33 Uhr

Bielefeld. Peter Eickmeyer war fünf Jahre alt, als der erste Mensch den Mond betrat. Er saß vor dem Fernseher, als es passierte. Sein Vater hatte ihn am frühen Morgen des 21. Juli geweckt. Allein das war schon etwas ganz Besonderes. Im Gedächtnis geblieben sind Eickmeyer die komischen „Känguruhüpfer" der Astronauten auf dem Mond und die stocksteifen, qualmenden Moderatoren der Live-Übertragung. Natürlich in Schwarz-weiß. Für den Illustrator und Autor mehrerer Graphic Novels („Im Westen nichts Neues", „Liebe deinen Nächsten") war es der Beginn einer bis heute anhaltenden Faszination für Astronomie und Raumfahrt. „Vor allem reizt mich die hohe Ästhetik des Weltalls", sagt er. Das erste Foto, das erstmals die Schönheit des blauen Planeten und dessen Zerbrechlichkeit einfing, entstand Weihnachten 1968 bei einer Umkreisung des Trabanten. Es zeigt den Aufgang der Erde vom Mond aus gesehen. Dieses ikonische „Earthrise"-Foto greift Eickmeyer ganzseitig im erstem Band seiner Graphic Novel „Der zweite Mann" auf, die beim Bielefelder Splitter-Verlag erschienen ist. Der "zweite Mann" ist Buzz Aldrin Der zweite Mann ist Buzz Aldrin. Er ist der einzige noch lebende Astronaut des dreiköpfigen Apollo-11-Teams. Der 39-Jährige betrat nach Neil Armstrong als zweiter Mann den Mond und steht im Mittelpunkt der Graphic Novel – nicht zuletzt deshalb, weil Aldrin den Aufbruchsgeist der 1960er ins 21. Jahrhundert getragen hat und für die nächste Etappe wirbt: die Eroberung des Mars. 2002 wird Buzz Aldrin auf der Straße von dem Verschwörungstheoretiker Bart Sibrel belagert, der die Mondlandung für eine Lüge hält. Das Gespräch eskaliert, der wütende Astronaut schlägt zu. Diese Szene steht am Anfang der Graphic Novel, sie hat sich tatsächlich so abgespielt. Dem Buch ging eine akribische Recherche voraus. Was nicht heißt, dass der Illustrator, der sein Grafikdesign-Studium an der FH Bielefeld mit einer Arbeit über die Entstehung des Sonnensystems abgeschlossen hat, nicht auch mal augenzwinkernd die Fantasie spielen lässt. Schlaglichter auf das politische Klima So zeichnet Marilyn Monroe, die beim Bettgeflüster mit John F. Kennedy „Fly me to the Moon" trällert und damit den US-Präsidenten zu seiner berühmten Rede vor dem Kongress 1961 inspiriert, in der er eine Mondlandung „noch vor Ende dieses Jahrzehnts" als Ziel formuliert. Der Künstler beleuchtet Triumphe und Niederlagen des Apollo-Programms. Er fängt aber auch den Zeitgeist ein, wirft Schlaglichter auf das turbulente politische Klima der 1960er Jahre: Vietnamkrieg, Kalter Krieg, Bürgerrechtsbewegung, Gewalt, Attentate. Eickmeyer macht deutlich, wie wagemutig, aber auch wie heikel die Mission war. Beim Sinkflug der Landefähre schmiert immer wieder der Computer ab. „Jedes Smartphone hat heute mehr Rechenleistung", sagt Eickmeyer. Und hätte Armstrong die Fähre nicht spontan manuell gesteuert, hätte der Autopilot die Landefähre in einen Krater gelenkt. „Das war ein Ritt auf der Rasierklinge." Band 2 voraussichtlich im Oktober Der erste Band endet mit der Landung des „Eagle" auf dem Mond. Band 2 wird voraussichtlich im Oktober erscheinen und spielt im Untertitel auf den Satz an, den Buzz Aldrin sprach, als er den Mond betrat: „Was für eine herrliche Einöde". Eickmeyer würdigt mit seinem Werk aber nicht nur die Nummer zwei, sondern auch einen der Künstler, die die Mission begleitet haben: Paul Calle zeichnete die Apollo-11-Astronauten bei ihren Vorbereitungen. Im Gegensatz zu den NASA-Fotos, die alle zugänglich und bekannt sind, hat der Autor mit den Skizzen Calles einen verborgenen Schatz gehoben. „Das ist Neuland", sagt er. Eickmeyers Zeichnungen, die auf den Skizzen Calles fußen, sind Aneignung und Verbeugung zugleich. Der Meller rechnet es der NASA hoch an, „dass sie die kulturelle Dimension der Mondlandung erkannt hat." Ein Eickmeyer-Bild flog 1995 ins All Eickmeyer ist übrigens einer von 20 Künstlern weltweit, die von sich sagen können, dass ihr Bild in der ersten Kunstausstellung im All zu sehen war. 1995 reiste Eickmeyers Bild „Tracks" zur Raumstation Mir. Es zeigt drei Fußabdrücke: einen auf der Erde (3.500.000 Jahre v. Chr), einen auf dem Mond (1969) und einen auf dem Mars (2019). Der deutsche Astronaut Thomas Reiter and seine russischen Kollegen Sergei Avdeev and Yuri Ghidzenkon wählten aus den 20 Werken ihr Lieblingsbild aus. Peter Eickmeyer ist froh, dass deren Wahl nicht auf sein Bild fiel. Denn als das Siegerbild 2001 beim Wiedereintritt der Raumstation in die Atmosphäre verglühte, war Eickmeyers Werk schon längst wieder sicher auf die Erde zurückgekehrt. Im November wird es erstmals irdisch ausgestellt – im Bielefelder Naturkunde-Museum. Peter Eickmeyer: „Der zweite Mann – Der Adler landet", 56 S., 15 Euro. Band 2, „Der zweite Mann – Eine herrliche Einöde", erscheint im Oktober, beide beim Splitter Verlag.

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