Massenchor: Beim Gesamtspiel musizierten rund 16.000 Woodstocker gemeinsam - © Klaus Mittermayr
Massenchor: Beim Gesamtspiel musizierten rund 16.000 Woodstocker gemeinsam | © Klaus Mittermayr

Open Air Das skurrilste Festival Europas - Zu Gast auf dem Woodstock der Blasmusik

Vom 27. bis 30. Juni fand in Oberösterreich das Woodstock der Blasmusik statt. Das viertägige Festival lockte rund 60.000 Besucher aus ganz Europa. Ein Ausflug in eine Welt aus Trachten, Träckern und Trompeten.

Alexander Lange
06.07.2019 | Stand 05.07.2019, 22:43 Uhr |

Ort im Innkreis. Auf der Festival-Hauptbühne tut sich noch nicht viel, vor der Bühne aber umso mehr. Bei den Zuhörern braut sich ein stimmungsgelandenes Gemisch aus Vorfreude und Begeisterung zusammen. Es ist Donnerstagabend, kurz nach 20 Uhr, die Sonne dämmert bei immer noch heißen 30 Grad. Sprechchöre werden laut: "Wir woll'n den Hutter seh'n". Wen wollen die sehen? Den Hutter? In ihrer braunroten Tracht mit Kniestrumpf und Krawatte kommen die Egerländer Musikanten mit "ihrem" Ernst Hutter auf die Bühne. Der Beginn eines fast zweistündigen Wahnsinns, der in fünf Zugaben endet: Der Startschuss für das Woodstock der Blasmusik. Ja, das gibt es wirklich. Das Festival der ganz besonderen Art. Lederhose und Tirolerhut Ein Großteil der Festivalbesucher trifft bereits am Donnerstagvormittag ein. Die meisten mit PKW oder Bulli, manche mit Kleinlaster, ein paar wenige mit dem eigenen Traktor samt Anhänger. Der Altersdurchschnitt dürfte irgendwo zwischen 25 und 35 Jahren liegen. Und mindestens jeder dritte trägt Lederhose oder Tirolerhut, viele Mädels ein Dirndl: Willkommen in einer anderen Welt. Schnell wird nach einem lukrativen Zeltplatz gesucht - nah am Festivalgelände und ein kurzer Weg zum Supermarkt, darauf kommt es an. "Seid's ihr aus Österreich?" fragen die neuen Nachbarn gefragt. "Ne, wir kommen aus NRW" - "Ah, ihr seid's aus Preußen also." Während die eine Hälfte sich um Zeltaufbau und Campingstühle kümmert, holt der Rest die erste Runde Bier. Auf die nächsten vier Tage. Und heute Abend geht's zum Hutter. Einmal im Jahr wird Ort im Innkreis zum Wallfahrtsort aller Blasmusikfans. Ein kleines Dorf in Oberösterreich, rund 700 Kilometer von Ostwestfalen entfernt, mit etwas mehr als 1.000 Einwohnern. An diesem Wochenende kommen 60.000 Menschen aus ganz Europa. Die meisten aus Österreich, der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden - sie alle wollen Peace, Love and Blasmusik. Mehr als Schützenfest 2.0 Es ist ein Festival im Stil der Großen. Wie Rock am Ring, das Hurricane oder Parookaville. Nur eben mit Blasmusik. Der Campingplatz mit gigantischen Zeltlandschaften und Wohnmobil-Scharen, mobilen Toiletten, einem Supermarkt, Bierständen und Imbissbuden, die das Festivalgelände mit Riesenrad und dem Herzstück, der Mainstage, umringen. Und dort dann dieser Hutter.  Was die Toten Hosen für den deutschsprachigen Rock sind, ist  Hutter mit seinen Egerländer Musikanten für die Blasmusik. Das Woodstock der Blasmusik, wo 30.000 Menschen ein Blasmusikensemble feiern und gemeinsam "Auf die Vogelwiese geht der Franz..." singen. Nur Schützenfest 2.0? Von wegen, es geht auch anders. Auf der Mainstage folgen Kool and the Gang aus Kanada ("Ladies night", "Fresh", "Celebration"), die Heavytones (bekannt durch TvTotal) und die Fäaschtbänkler aus der Schweiz. Funk, Soul, Jazz, Pop oder Rock - auch das kann Blasmusik. Und in der Nacht geht's auf den Tanzflächen der Partyscheuen weiter. Gesamtspiel mit 16.000 Musikern Die Hoffnung auf erholsamen Schlaf stirbt jeden Morgen gegen 7 Uhr. Denn ein Großteil der Festivalbesucher, auch das ist einmalig, hat sein Musikinstrument mitgebracht. Ob Pauke, Posaune, Trompete oder Klarinette. Gemeinsam musizieren, auch das gehört zum Woodstock der Blasmusik dazu. Angezählt, angesetzt, losgespielt, schon geht es weiter. Prost. Jährlicher Höhepunkt des Blasmusik-el Dorados: Das Woodstock-Gesamtspiel am Samstagmittag. Knapp 16.000 Festivalbesucher trotzen der drückenden Hitze und musizieren mit Blasmusik-Koryphäe Kurt Gäble. "Ein leben Lang", "Von Freund zu Freund" und "Böhmischer Traum" lautet die Liste der Titel. Einmalig und ein bisschen verrückt. Am Sonntagmorgen gemeinsamer Gottesdienst, am Abend ist es wieder vorbei. Im Dörfchen Ort im Innkreis kehrt langsam wieder Ruhe ein. Aber im nächsten Jahr kommt das Woodstock der Blasmusik zurück. Dann zum zehnten Mal. Die Veranstalter planen Großes. Ob dann auch wieder dieser Hutter spielt? www.woodstockderblasmusik.at

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