Vor der Reithalle: Andrea Brockmann, Leiterin der städtischen Museen und Galerien. - © Holger Kosbab
Vor der Reithalle: Andrea Brockmann, Leiterin der städtischen Museen und Galerien. | © Holger Kosbab

Paderborn Paderborns neue Ausstellungschefin will in die erste Liga der Museen

Andrea Brockmann hat große Ziele und viele Ideen

Holger Kosbab
07.07.2019 | Stand 06.07.2019, 14:49 Uhr

Paderborn. Es klingt äußerst ambitioniert, was Andrea Brockmann vorhat. Seit wenigen Monaten leitet sie die städtischen Museen und Galerien in Paderborn. Doch schon in fünf Jahren sollen diese zu einer in Nordrhein-Westfalen bekannten Museumsmarke werden. Und mehr noch: Als sie in Schmallenberg, wo sie bis Januar tätig war, von ihrem Wechsel berichtete, sagte sie: "Ich gehe von der Westfalenliga in die 2. Liga. In fünf Jahren will ich wie der SCP in der 1. Liga der Museen spielen." Erreichen will das die neue Ausstellungschefin durch vielfältige Projekte, die über das klassische Ausstellungsgeschäft hinaus gehen. Und sie möchte, dass die Museen stärker eine Einheit bilden. Von August bis November 2020 wird es in allen fünf Häusern, also in der Städtischen Galerie in der Reithalle, im Kunstmuseum, Stadtmuseum, Residenzmuseum und Naturkundemuseum, erstmals ein gemeinsames Thema geben: "Get Dressed - das Kleid in der Geschichte, Kunst und Natur". Alles soll offener werden Das Vorgefundene einfach weiterführen möchte Brockmann nicht. Sie hat den Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen und Impulse zu setzen. Alles soll offener werden. Daher möchte sie mit der freien Szene wie dem Zwischenstand ins Gespräch kommen oder auch mit dem Raum für Kunst und dem Kunstverein kooperieren. Auch mit der Uni Paderborn soll stärker zusammen gearbeitet werden, davon verspricht sie sich besonders viel. Im Kopf hat sie einen Runden Tisch zur Kunst an verschiedenen Standorten, Foren und Symposien. Studenten sollen die Möglichkeit haben, durch Praktika Einblicke in den Berufsalltag zu bekommen. Die 48-jährige Kunsthistorikerin hat in Münster studiert und ist vor allem in der Gegenwartskunst zu Hause. In der Kunstregion Westfalen sieht sie sich gut vernetzt. Deshalb würde sie auch gerne Veranstaltungen wie eine Kunstpreisverleihung nach Paderborn holen. Reithalle als wichtigster Kunstort Ihren Start in der Reithalle als wichtigstem Kunstort hatte Brockmann mit der Ausstellung "Building the Garden". Die leicht daher kommende Schau war ein Fingerzeig, dass es hier künftig variabler zu gehen wird als unter der Vorgängerin Andrea Wandschneider. "Ich möchte die Besucher über das Thema mitnehmen", sagt sie. Auch der Werdegang eines Themas in der Kunst interessiere sie. Eins wird sich vor allem ändern: Sei die Reithalle bisher Ort der Kontemplation gewesen, so werde es künftig ein Ort der Kommunikation und Diskussion. Auch über Kunst, die quer schlägt. Wobei die kommende Ausstellung "Kunst nach 1945: Das Wiederaufleben der Moderne und die Künstlergruppe ,Junger Westen'" auch von Wandschneider hätte sein können. Die ergänzende Schau im Kunstmuseum heißt "Aufbruch 1919 - nach dem Weltkrieg". Nach der 1945er-Ausstellung wird die Reithalle jedoch erst einmal renoviert. "Ich würde mich freuen, wenn ich das arrivierte Publikum mitnehmen kann, aber ich möchte auch neue Gruppen ansprechen", sagt Brockmann. Für die Reithalle könne sie sich alles vorstellen, was sie interessiert, Qualität hat und gesellschaftlich relevant ist. Eine städtische Galerie müsse am öffentlichen Diskurs teilnehmen, betont sie. Deshalb solle die gesamte Breite der Kunst aufgegriffen werden. Dazu gehören Malerei und Bildhauerei ebenso wie Fotografie, Grafik und Keramik. Sie möchte die Menschen mit Kunst konfrontieren, beispielsweise durch Konzeptkunst, Performances und Public Art, also Kunst im öffentlichen Raum. "In Paderborn läuft nun alles zusammen" Brockmanns eigenes Leben veränderte sich im Jahr 2009 durch eine Querschnittsmyelitis, eine schwerwiegende Entzündung des Rückenmarks. Damals konnte sie noch einige Schritte laufen. Doch trotz Physiotherapie ging dies immer schlechter. Seit 2016 kann sie gar nicht mehr gehen. Hilfe suchte sie in der Berliner Charité sowie in den Unikliniken in Münster, Bamberg und Marburg. Alles Erdenkliche der Alternativ- und Schulmedizin probierte sie. Vergebens. Heute sieht sie es pragmatisch und nutzt die Hilfsmittel. Riesiges Glück hatte sie bei ihrer Wohnungssuche in Paderborn. Nur knapp 200 Meter von ihrem Arbeitsplatz entfernt, wurde sie fündig. Mit dem Elektro-Rollstuhl sind das schlappe fünf Minuten. Ihr bisheriger Wohnort Beckum ist jetzt nur noch Zweitwohnsitz. Ein alter Bauernhof ganz weit draußen am Wald, wo ihr Mann, der Künstler Ulrich Möckel sein Atelier hat, und das sie selbst beschreibt als "absolute Idylle, da kommen nur Rehe und Hasen vorbei". Die Museumsleitung in Paderborn ist vielfältiger als Brockmanns bisherige Tätigkeiten. Seit 2005 hat sie in mehr oder weniger allen Bereichen der Kunst gearbeitet. Sie hat in einer Galerie Kunst verkauft, war beim Kunstverein Beckum-Warendorf Geschäftsführerin, hat als künstlerische Leiterin die Galerie Münsterland in Emsdetten gelenkt und bis Januar diesen Jahres das Kulturbüro Schmallenberg geleitet. "In Paderborn läuft nun alles zusammen", sagt Brockmann.

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