Selbstbewusst und selbstkritisch: Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann. - © picture alliance
Selbstbewusst und selbstkritisch: Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann. | © picture alliance

Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann über böse Kommentare: „Ich lasse das nicht an mich heran“

Die ZDF-Fußball-Kommentatorin, die bei der Fußball-WM der Frauen kommentiert, über die Gründe, warum sie am Mikrofon nicht zu emotional werden möchte, und über böse Anfeindungen im Internet

Martin Weber
12.06.2019 | Stand 12.06.2019, 07:38 Uhr

Frau Neumann, Sie kommentieren bei der Fußball-WM der Frauen fürs ZDF wieder einige Spiele. Haben Sie Angst, dass es in den sozialen Netzwerken wieder zu bösen Kommentaren gegen Sie kommt, wie das bei früheren Turnieren der Fall war? Claudia Neumann: Nein, wirklich nicht. Ich bin ja nicht die einzige, die es in den sozialen Netzwerken abkriegt, das geht meinen männlichen Kollegen ja auch so. Aber gegen Sie gab es zum Beispiel bei der Männer-WM im vergangenen Jahr einen regelrechten Shitstorm, weil Sie als Frau Fußballspiele kommentieren. Neumann: Mag sein, aber ich habe schon vor längerer Zeit beschlossen, das nicht mehr an mich heranzulassen. Ehrlich gesagt registriere ich das auch gar nicht mehr, den Umgang mit den sozialen Medien überlasse ich beim ZDF unseren Spezialisten. Hat es Sie irritiert, dass an Ihrem Fall häufig das ganze leidige Thema Frauen im Fußball aufgehängt wurde? Neumann: Das hat mich schon ein bisschen irritiert, weil Jahre lang Ruhe war, was das betraf. Dass Frauen Fußballsendungen moderieren oder Spieler interviewen, daran hatte man sich gewöhnt – und wenn die Fragen mal in die Hose gerutscht sind, was bei männlichen Kollegen übrigens auch vorkommt, dann hat man sich vielleicht darüber lustig gemacht und mehr nicht. Dass eine Frau aber wichtige Fußballspiele kommentiert, geht vielen offenbar gegen den Strich, und dieser Unmut findet in den sozialen Medien natürlich ein perfektes Ventil. Warum regen sich manche Männer denn so furchtbar über Frauen auf, die Fußballspiele kommentieren? Neumann:Vielleicht, weil es etwas Ungewohntes ist. Es ist aber letztendlich nur ein kleiner Kreis von Menschen, die im Netz so unterirdisch reagieren. Sachliche Kritik dagegen ist ja völlig in Ordnung. Wer seine Arbeit öffentlich erledigt, muss damit umgehen können, das gehört zum Anforderungsprofil. Sie waren gleich beim Eröffnungsspiel im Einsatz, der Partie Frankreich gegen Südkorea. Wie haben Sie sich vorbereitet? Neumann: Wie auf jedes andere Spiel auch, das heißt, ich schaue mir die beiden Mannschaften an, knöpfe mir Statistiken vor, mache mir Gedanken zur Konstellation der Begegnung und beachte, was drum herum so passiert. Da es sich um ein Eröffnungsspiel handelte, gingen wir von einem restlos ausverkauften Prinzenpark-Stadion in Paris aus, vor so vielen Menschen spielen die Frauen ja selten. Was macht das Land, was macht die Stadt – all diese Dinge spielen eine Rolle und müssen beachtet werden. Ganz wichtig ist auch meine Schnuppernase. Ihre Schnuppernase? Neumann: Genau, meine Schnuppernase, mit der ich vor dem Spiel vor Ort recherchiere. Ich spreche mit allen möglichen Menschen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sie mit so einem Event umgehen, wie sie es annehmen. Diese Gespräche sind mir ganz wichtig, hundertmal wichtiger als jede Statistik. Ich unterhalte mich mit Spielerinnen, Funktionären, Kollegen, eigentlich mit jedem, mit dem ich sprechen kann. Manchmal auch mit ganz normalen Leuten auf der Straße, das kann sehr erhellend sein. Ist so ein Spiel für Sie nur Arbeit oder auch Genuss? Neumann: Im Grunde ist meine Arbeit per se Genuss. Wenn es dann noch ein tolles Spiel ist, dann sind die neunzig Minuten das reinste Vergnügen. Ich erinnere mich zum Beispiel mit großer Freude an ein Champions-League-Achtelfinale zwischen PSG und Real Madrid, das ich kommentiert habe, das hat mich total begeistert. So ein tolles Spiel lässt sich auch viel leichter kommentieren, ist ja besser, wenn richtig was los ist auf dem Platz. Bei einem schönen Spiel geht mir das Herz auf. Fiebern Sie mit der deutschen Mannschaft mit, wenn Sie eines ihrer Spiele kommentieren? Neumann: Ich fiebere zwar mit, achte aber schon auf eine gewisse Neutralität. Wir bei den öffentlich-rechtlichen Sendern verkneifen es uns ja beispielsweise, bei Spielen mit deutscher Beteiligung „wir" zu sagen, das ist für uns immer noch „die deutsche Mannschaft". Das sehen andere Sender oder auch mancher Streamingdienst anders und das ist auch völlig in Ordnung, aber wir bleiben da bei unseren Gepflogenheiten. Bei aller Emotionalität muss eine gewisse Distanz da sein, das bin ich mir als Journalistin schuldig. Auf was kommt es denn sonst noch an? Neumann: Man muss vor allem seinem Stil treu bleiben, denn der Zuschauer merkt sofort, wenn Sie nicht authentisch sind. Ich kommentiere Spiele zurückgenommener und begleitender als andere, etwas weniger emotional vielleicht – und das ist für mich auch der beste Weg. Dazu kommt, dass Sie als Frau ja auch mit der Stimme aufpassen müssen, dass Sie nicht zu sehr drüber sind bei packenden Szenen (lacht). Wir Frauen erleben den Fußball zwar genauso wie Männer, haben aber eine andere Stimmlage, auf die wir etwas achten müssen. Viele Kommentatoren reden viel zu viel und sagen dem Zuschauer permanent, was er doch selber sieht... Neumann: Stimmt, da unterscheidet sich die Arbeit beim Fernsehen ganz wesentlich von der beim Radio, das kann man nicht miteinander vergleichen. Man darf in der Tat nicht zu viel labern, sondern muss auch mal schweigen. Können Sie gleich nach dem Spiel einschätzen, wie Sie waren? Neumann: Man hat auf jeden Fall ein erstes Gefühl dafür. Wenn einem zum Beispiel ein dicker Patzer unterlaufen ist, dann fühlt man sich nicht so besonders, völlig klar. Selbst dann, wenn man ihn sofort korrigiert hat, ist das nicht angenehm. Schauen Sie sich Ihre Spiele nochmals an? Neumann: Das mache ich ab und zu. Also während eines Turniers wie dieser WM geht das natürlich nicht, da fehlt mir einfach die Zeit. Aber wenn ich wieder zu Hause bin, dann schaue ich zwei Monate später oder so schon mal rein – und ich finde immer Stellen, wo ich mir sage: Das hättest du besser machen können (lacht). Ich bin da ziemlich selbstkritisch.

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