Gedanken-Improvisation von A bis Z: Jazzpianist Michael Wollny. - © Oliver Krato
Gedanken-Improvisation von A bis Z: Jazzpianist Michael Wollny. | © Oliver Krato

Musikbuch Michael Wollnys wunderbare Welt

Der deutsche Jazzklavier-Star gibt in der „Alphabet“-Buchreihe des Bad Oeynhausener Jazzprezzo-Verlags Auskunft zu Vorbildern, Einflüssen und seine Art zu spielen und zu improvisieren

Thomas Klingebiel
29.05.2019 | Stand 30.05.2019, 12:48 Uhr

Bielefeld. Das vorgegebene Gerüst ist simpel: Zu jedem Buchstaben des Alphabets gibt es ein gelbes Kärtchen mit fünf Begriffen, die spontan kommentiert werden sollen. Dieses Prinzip bleibt immer gleich. Das Ergebnis fällt sehr unterschiedlich aus. Der Posaunist Nils Landgren, mit dem die neue „Alphabet"-Porträtreihe des Bad Oeynhauser Jazzprezzo-Verlags im vergangenen Jahr startete, kam dem Leser mehr als Mensch und Persönlichkeit, denn als Musiker näher. Bei dem deutschen Jazzklavier-Star Michael Wollny, dem nun Band zwei gewidmet ist, ist es umgekehrt. Die Kärtchen lösten bei Wollny sprühende Gedankenimprovisationen aus, die wiederum faszinierende Einblicke in sein komplexes musikalisches Denken zwischen Punk, Jazz, Pop und Kino gewähren. Buchpremiere beim Elbjazz-Festival Es ist die erste Buchveröffentlichung über den deutschen Popstar des zeitgenössischen Jazz. Entsprechend engagiert ging der 41-Jährige das Projekt an, wie Verleger Rainer Placke, früherer Redakteur dieser Zeitung, berichtet. „Ich habe nie zuvor ein so konzentriertes und intensives Gespräch geführt." Premiere für das mit lebendigen Fotoimpressionen von Oliver Krato illustrierte Buch ist an diesem Wochenende beim Elbjazz-Festival in Hamburg. Sechs Stunden hat sich Placke in Leipzig, wo Wollny seit 2014 als Professor an der Hochschule für Musik lehrt, mit dem Pianisten unterhalten. Der äußert sich zu Stichworten von A wie Abschied bis Z wie Zweifel nicht etwa hochtrabend akademisch, sondern erfrischend verständlich, lebensnah, humorvoll, nie oberflächlich. Wie ein Filmregisseur im Schneideraum Es wird deutlich, wie sehr Wollny Jazz als musikalisches Erzählen versteht. Darüber hat er offenbar am meisten von Filmregisseuren wie David Lynch oder Stanley Kubrick gelernt. Das überrascht nicht völlig, denn Wollny interpretiert auf seinen Platten gern Soundtracks, zum Beispiel die Titelmusik zu Lynchs Kultserie „Twin Peaks". Im Buch erklärt er, warum Kino für ihn so „extrem wichtig" ist. Er fühlt sich den Regisseuren verwandt, weil er beim Klavierspiel wie in einem anderen Schneideraum Themen und Motive zu einem dramaturgischen Ganzen verbindet. Im Konzert ist Wollny immer in Bewegung – Ausdruck einer geistigen Ruhelosigkeit, fast Getriebenheit, die auch im Buch deutlich wird. Interessen und Neugier dieses Klavier-Hexenmeisters gehen weit über die 88 Tasten seines Instruments hinaus. Doch alles, womit sich Wollny je befasst hat – seine Zweitinstrumente Violine und Schlagzeug, Horrorfilme, Mathematik, Philosophie, sein Idol Keith Jarrett, Björk, Genesis und unendlich viel mehr –, beeinflusst wieder die Töne und Klänge, die er produziert, fließt ein in den alchimistischen Prozess der Improvisation. Im Herzen ein Punker Die Situation des improvisierenden Musikers beschreibt Wollny aus der Gesprächssituation heraus: „Ich weiß nicht, was auf den Karten steht, ihr wisst nicht, was ich sagen werde, aber wir versuchen das trotzdem hinzukriegen." Wollny geht es nicht um das, was sicher funktioniert. Den Dreiklang schätzt er als „Säule, damit alles andere wieder Sinn macht". Aber lieber überwindet er Bewährtes, schafft etwas, das „highly impractical" ist, ein Schlüsselwort, das er von dem amerikanischen Neutöner Morton Feldman übernommen hat. Im Herzen ist Wollny offenbar Punk: „Verbotenes machen, frech sein, nicht alles glauben." Beim Lesen wird nachvollziehbar, wie kraftzehrend Konzerte für das wandelnde Musik-Lexikon sein müssen: die Erwartungen, die er an sich stellt, die Last der Musikgeschichte, die ständig geforderte Geistesgegenwart, die Ungewissheit, ob es wieder gelingen wird, nahezu aus dem Nichts die Schönheit zu schaffen, die er sucht. Aber man spürt auch, wie groß das Glück ist, wenn es klappt. Ein wichtiges Prinzip in dieser Hinsicht hat Wollny von Nils Landgren gelernt: „Spontane Freude am Musizieren. Nicht alles zu hinterfragen, sondern einfach zu machen." Die Multiperspektivität des Klavierspiels von Wollny spiegelt sich im Buch zusätzlich durch die Einschätzungen von drei Menschen, die ihn aus der Nähe kennen: Schlagzeuger Eric Schaefer, Klavier-Legende Joachim Kühn und Philip Frischkorn, der bei Wollny studierte. Ein sehr gelungenes Buch, das am Ende vor allem Appetit macht, Wollnys Musik neu oder wieder zu entdecken und seinen inspirierenden Gedanken in den Klangerzählungen nachzuspüren.

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