Vom Pubikum gab es Null Punkte für das deutsche Du "S!sters" - © AFP
Vom Pubikum gab es Null Punkte für das deutsche Du "S!sters" | © AFP

Meinung Madonna-Debakel und S!sters-Pleite: Es ist ja nur der ESC

Am Ende einer langen Nacht gewinnt der Favorit aus den Niederlanden. Deutschland landet mal wieder ganz hinten. Und Weltstar Madonna trifft so manche Töne nicht

Felix Rettberg
19.05.2019 | Stand 20.05.2019, 09:44 Uhr

Tel Aviv. Das "Sorry” von Moderatorin Bar Refaeli war knapp, der Tiefschlag heftig: Null Punkte. So viel war den europäischen Zuschauern der deutsche Beitrag der "S!sters” beim Eurovision Song Contest (ESC) in Tel Aviv wert. Eine seltene europäische Einigkeit. Ohne Häme und Schadenfreude muss man allerdings feststellen: Überraschend war das nicht. Schon im Vorfeld wurden Carlotta Truman und Laurita Spinelli kaum übergroße Chancen auf einen Spitzenplatz eingeräumt. Und während der Proben hier in Tel Aviv und schließlich beim gestrigen Finale konnte man verstehen, warum: gefällig, aber unauffällig. Ein Kabinett der Skurrilitäten, wie es kein zweites gibt Tiefe Wunden reißen aber muss das alles nicht, es ist ja tatsächlich nur der ESC. Und bei dem geht es wohl vor allem um das, wofür er mittlerweile steht, weswegen ihn Jahr für Jahr rund 200 Millionen Menschen sehen wollen, selbst in Australien: eine Show auf Steroiden, ein Kabinett der Skurrilitäten, wie es kein zweites gibt. Das aber gerade deshalb auch jenen eine Chance gibt, die sich dem Trend der visuellen Überfrachtung auf der Bühne nicht vollends hingeben wollen, die von sich aus funkeln können – wie der diesjährige Sieger Duncan Laurence aus den Niederlanden. Sieger Duncan Laurence ist ein guter Kompromiss Dieser junge Mann mit großem Strahlen am mittelgroßen Klavier, bei dem schon im Vorfeld spürbar war, wie viel ihm die Teilnahme am ESC als Türöffner für eigene Tourneen etwas bedeutet, er ist zudem ein guter Kompromiss – zwischen all jenen, die noch immer ihrem guten alten "Grand Prix Eurovision de la chanson” nachtrauern, ihrem Festival vertonter Lyrik und denen, die mit dem heutigen ESC vor allem eine bombastische Pop-Party mit integrierter Leistungsschau von Kostüm- und Szenenbildnern feiern wollen. Im besten Sinne ist der Wanderzirkus ESC vor allem in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Test für Toleranz, ein drei Stunden langer Christopher Street-Day geworden, bei dem ins Zentrum rücken kann, wer sonst noch immer um Anerkennung und Akzeptanz kämpfen muss – auch in diesen Zeiten, und noch immer in so manchen Regionen Europas. Im Produzieren von Bildern ist der Wettbewerb groß Gerade bei dieser Ausgabe des ESC aus Tel Aviv war das auf der Bühne wieder zu sehen: Mit "Dana International” hatte 1998 die ersten offen transsexuelle Künstlerin für Israel gewonnen, 20 Jahre später im vergangenen Jahr dann Netta Barzilai, die mit ihrer Figur so gar nicht in das Klischee des schlanken Pop-Püppchens passt und in ihrer Jugend und Kindheit dafür massives Mobbing erlebt hat. Beide waren sie vollkommen selbstverständlich Teil des Showprogramms zwischen Auftrittsphase und Punktevergabe, saß Barzilai nach ihrem eigenen Auftritt auch kurz neben Moderatorin und internationalem Top-Model Bar Refaeli – ein Bild von nur vermeintlichen Gegensätzen. Es war normal, und beide schön auf ihre Weise. Im Produzieren von Bildern, die das Potenzial haben, haften zu bleiben, ist der Wettbewerb zweifellos groß. Madonna fiel dadurch auf, dass sie die Töne nicht traf Darüber wird sich in den Stunden danach vor allem Madonna geärgert haben. Als Top-Act des Abends war die "Queen of Pop” immer wieder angekündigt worden, und fiel dann bei ihrem Auftritt vor allem dadurch auf, dass sie so manche Töne nicht traf. Wäre sie als Kandidatin des ESC angetreten, hätte Bar Refaeli wohl auch ihr so manche schlechte Bewertung näherbringen müssen und dem Vereinigten Königreich den letzten Platz erspart. Was nüchtern betrachtet von diesem ESC in Tel Aviv bleibt: Erleichterung bei den Veranstaltern, dass es trotz mancher düsterer Befürchtungen ruhig geblieben ist, kein Anschlag den ESC erschüttert hat. Und das Bild von einer strauchelnden Königin, Madonna.

realisiert durch evolver group