Exzentrische Charaktere: Nikolaj Alexander Brucker (vorne), Theresa Christahl, Jeannine Michèle Wacker, Susanne Schieffer und Michaela Duhme tummeln sich auf der kargen Bühne des Stadttheaters. - © Joseph Ruben
Exzentrische Charaktere: Nikolaj Alexander Brucker (vorne), Theresa Christahl, Jeannine Michèle Wacker, Susanne Schieffer und Michaela Duhme tummeln sich auf der kargen Bühne des Stadttheaters. | © Joseph Ruben

Premiere Im Universum der Hoffnung

David Bowies Musical „Lazarus“, das jetzt am Bielefelder Theater Premiere feierte, huldigt dem Versprechen, sich in jedem Moment neu erfinden zu können

Andreas Klatt
19.05.2019 | Stand 19.05.2019, 11:35 Uhr

Bielefeld. Als schillernder Kunstfigur gelang es David Bowie wie kaum einem anderen Musiker, sich in seinen mehr als fünf Bühnenjahrzehnten immer wieder neu zu inszenieren – das Erbe des 2016 an Krebs verstorbenen Künstlers ist ein schrilles, verschachteltes Universum exzentrischer Charaktere, die er auf der Bühne so überzeugend verkörperte, dass sie ihn wohl auch im Privatleben nie ganz losließen. So enigmatisch diese bunte, exzentrische Vermischung, so reizvoll die Inszenierung von Bowies kurz vor seinem Tod uraufgeführten Musical „Lazarus", an das sich Regisseur Michael Heicks mit seinem Ensemble wagte. Sämtliche Vorstellungen sind bereits ausverkauft In dieser Saison sind sämtliche Vorstellungen genau wie die Premiere am Samstagabend im Stadttheater bereits ausverkauft – die hybride Performance aus Schauspiel, Rockkonzert und multimedialer Show stößt somit bereits im Vorfeld auf eine beeindruckende Resonanz. Und dies zurecht, erweitert sie die in erster Linie mit zuckergusslastig-verschnörkelt daherkommenden Plots assoziierte Gattung des Musicals doch um die Erkenntnis, dass es auch anders geht: Denn dem Wunsch nach einem zur Identifikation einladenden Hauptcharakter entzieht sich das Stück in weiten Teilen. Wir können Helden sein, wenn auch nur für einen Tag Der von Nikolaj Alexander Brucker engagiert gespielte Thomas Newton, den Bowie selbst 1976 im Film „Der Mann, der vom Himmel fiel" spielte, wird zu Beginn in einer trostlosen Szenerie gezeigt. Der Außerirdische kann weder sterben noch in seine Heimat zurückkehren – und versucht, seine Verzweiflung um die verflossene Liebe Mary Lou mit Gin in Schach zu halten. Unwirtlich wirkt das von Annette Breuer ersonnene Bühnenbild: Eine karge Betonlandschaft mit trostlos uniformen Bettgestellen, die ihrem Versprechen nach Wärme und Geborgenheit nicht nachkommen. Rätselhafte Charaktere mahnen zum Durchhalten Als umso existentieller erweist sich Newtons Flucht in seine vielgestaltige Fantasiewelt: Rätselhafte Charaktere wie das von Susanne Schieffer kokett interpretierte Mädchen Marley mahnen in unbeschwerter Manier zum Durchhalten, indem sie eine Rakete in Aussicht stellen. Bowie erkrankte selbst während der Entstehung des Musicals, auch sein letztes Kunstwerk eignet sich somit zum spirituelle Fragen aufwerfenden Spiegellabyrinth, das den Schwellenübergang in eine andere Welt zum Anlass nimmt, sich im Spiel um Realität und Illusion zu verorten. Das Musical zieht mytholgisch viele Register Der mephistophelisch anmutende Charakter des Valentines, dem Oliver Baierl seine spitzzüngige Gerissenheit verleiht, wird im Verlauf der Szenencollage zum handlungstreibenden Antagonisten Newtons. Mit seinem an einen Sumoringer erinnernden Haardutt und flankiert von japanisch gewandeten Tänzerinnen zieht das Musical mythologisch viele Register, um die tröstende biblische Legende von Lazarus, den Jesus von den Toten wiedererweckte, mit weltlichen Bezügen anzureichern. Die Video-Installationen von Sascha Vredenburg erinnern mitunter an die surrealistische Magie eines Salvador Dali; die von Giovanni Cuccaro choreografierte Show greift Kampfkunst-Elemente auf und kreuzt sie mit boulevardesken Bollywood-Momenten – keinen Zweifel daran lassend, wie grau die Welt aussähe ohne die visionsstiftende Kraft der verschiedenen Kunstformen. Lohnenswerte Reminiszenz an ein bewegtes Musikerleben In einem finalen Showdown erhöht sich die Schlagzahl der Inszenierung, bis der verhangene Blick Newtons sich endlich aufklären darf zur Erkenntnis, dass wir in Liebe vertrauend Helden sein können, wenn auch nur für einen Tag. Nicht nur aufgrund der vielen eingebauten Evergreens für eingefleischte Bowie-Fans ist das Musical eine lohnenswerte Reminiszenz an ein bewegtes Musikerleben, das im Aufwerfen essentieller Fragen erstrahlt. Für diese Spielzeit sind alle Vorstellungen von „Lazarus" bereits ausverkauft. Das Theater hat aber für die neue Spielzeit bereits Karten für die Aufführungen am 13.10., 10.11., 5.12. und 15.1.2020 in den Vorverkauf gegeben. Die Karten gibt es unter Tel. (05 21) 55 54 44. Weitere Infos unter www.theater-bielefeld.de

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