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ESC-Beobachter Jan Feddersen mit Laurita (l.) und Carlotta, dem Duo „S!sters", im Garten der Residenz der deutschen Botschafterin in Tel Aviv. - © Felix Rettberg
ESC-Beobachter Jan Feddersen mit Laurita (l.) und Carlotta, dem Duo „S!sters", im Garten der Residenz der deutschen Botschafterin in Tel Aviv. | © Felix Rettberg

Interview ESC-Experte: „Das deutsche Duo holt Platz zehn“

Jan Feddersen, der seit mehr als 25 Jahren den ESC beobachtet, hat einen klaren Favoriten. Von Carlotta und Laurita, die für Deutschland als „S!sters“ antreten, ist der ESC-Kenner durchaus angetan

Stefan Brams
18.05.2019 | Stand 18.05.2019, 08:27 Uhr

Herr Feddersen, erst vor wenigen Tagen beschoss die Hamas aus dem Gaza-Streifen heraus Israel. Die israelische Armee feuerte zurück. Es gab mehr als 20 Tote. Jetzt sichern 20.000 Polizisten den ESC in Tel Aviv. Kommt dennoch ESC-Begeisterung auf? Jan Feddersen: Ich will nicht bagatellisieren, was in den vergangenen Tagen passiert ist, aber ich habe den Eindruck, dass die Hamas aus dem Gazastreifen gezielt Marketingrakeketen abgefeuert hat, um eine Kampagne gegen Isreal in Gang zu setzen. Was übrigens die Stimmung hier in Tel Aviv nicht berührt hat. Die Aggressionen aus dem Gaza-Streifen sind hier so vernehmlich wie in Kiew 2017 beim ESC die russischen Attacken in der Ostukraine. Wie ist die Stimmung? Feddersen: Tel Aviv ist eine großartige Partystadt am Mittelmeer, und ich sehe hier sehr sehr viele zufriedene Menschen, die sich auf den ESC freuen, der zum integralen Bestandteil des städtischen Lebens geworden ist. Ich bin ja seit vielen Jahren als Beobachter beim ESC dabei und habe selten so eine aufgeräumte Stimmung erlebt wie in dieser Stadt. Sie waren auch vor 20 Jahren beim ESC in Jerusalem dabei. Lässt sich die Stimmung vergleichen? Feddersen: In Jerusalem war es damals schon ziemlich nett, aber Jerusalem ist eine eher kleine Stadt. Tel Aviv ist ganz anders und der bessere Ort für den ESC. Der Wettbewerb passt einfach in diese Metropole. Die Regeln des Schabath am Freitag, an dem es keinen öffentlichen Nahverkehr geben darf, werden in Tel Aviv gedehnter ausgelegt. 41 Länder nehmen dieses Jahr am ESC teil, 26 sind im Finale an diesem Samstag dabei. Wie stark schätzen Sie das Teilnehmerfeld ein? Feddersen: Das ist im Vorfeld immer schwer zu sagen, aber es fällt auf, dass vor allem viele Männer an den Start gehen, die live sehr stark performen. Und im Gegensatz zum ESC im vergangenen Jahr erleben wir eine große Materialschlacht auf der Bühne. Die Teams fahren wahrlich bombastisch auf, um die Musiker in Szene zu setzen. Sie haben die Proben verfolgt. Schält sich für Sie schon ein Favorit heraus? Feddersen: Mahmood, der mit dem Song „Soldi" (Geld) für Italien antritt, ist ein herausragender Performer, der vom rechtspopulistischen italienischen Innenminister Salvini mit sehr hässlichen Worten in Richtung Tel Aviv verabschiedet wurde. Ich traue ihm den ersten Platz zu, den er wahrlich auch verdient hätte. Aber die Konkurrenz ist stark in diesem Jahr. Die Niederlande, Schweden, Frankreich, Russland und auch Island sind ebenfalls mit tollen Beiträgen vertreten. Schälen sich schon musikalische Trends heraus? Feddersen: Nein, geboten wird ein guter Potpourri aus viel Pop, etwas Oper und ein wenig Hip-Hop. Schlager deutscher Prägung sind nicht zu hören. So ein herausragendes Lied, wie das des Portugiesen Salvador Sobral vor zwei Jahren, findet sich in diesem Jahr jedoch nicht im Wettbewerb. Das Gesangsduo „S!sters" tritt für Deutschland mit dem Lied „Sister" an. Das Retorten-Duo gilt als krasser Außenseiter. Welchen Platz trauen sie Carlotta und Laurita zu? Feddersen: Ach, immer diese Diskriminierungen. Was in der Popwelt ist nicht aus Retorten erwachsen. Jedenfalls: Obwohl die Buchmacher sie lediglich weit hinten auf dem Zettel haben, glaube ich, dass sie gut abschneiden werden. Sehen Sie sie auch unter den ersten Zehn, wie es sich die Verantwortlichen beim zuständigen deutschen Sender, dem NDR, erhoffen? Feddersen: (denkt nicht lange nach) Ich lege mich fest, sie werden den zehnten Platz erobern. Was macht Sie da so sicher? Feddersen: Ich habe die beiden jungen Frauen ja hier in Tel Aviv bei den Proben beobachtet und auch mit ihnen gesprochen. Sie treten sehr erfrischend auf. Sie passen stimmlich gut zusammen, sind handwerklich über jeden Zweifel erhaben und haben ein Lied, das besser ist als sein Ruf, der im übrigen wesentlich von jenen bewirkt wurde, die immer etwas zu meckern haben. Ich bin ich mir sicher, dass sie im Finale eine gute Performance hinlegen und Jury und Publikum von sich überzeugen werden. Madonna singt beim Finale zwei Lieder. Raubt die Verpflichtung eines solchen Superstars dem eigentlichen Wettbewerb nicht die Aufmerksamkeit? Feddersen: Nein, Madonna kann nicht größer sein als der ESC. Sie ist nur als Pausenüberbrückerin engagiert und als mehr nicht. Dass sie zu Gast sein darf, hilft ihr und dem ESC nicht minder. Das Motto des ESC lautet „Dare to Dream" (zu träumen wagen). Ein gutes Motto in diesen Zeiten? Feddersen: Mottos verströmen immer die Kraft von Binsenweisheiten. Gleichwohl. Das ist es: Trauen wir uns doch einfach mal zu träumen bei der schönsten Illusionsmaschine Europas.

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