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Detail des Kunstwerks "S.A.C.R.E.D." des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Es zeigt ihn in der Haft und ist in der Kunstsammlung NRW aufgebaut. - © picture alliance/dpa
Detail des Kunstwerks "S.A.C.R.E.D." des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Es zeigt ihn in der Haft und ist in der Kunstsammlung NRW aufgebaut. | © picture alliance/dpa

Kunst und Politik Volle Wucht: Kunstsammlung NRW zeigt Ai Weiwei

Die bisher größte Ausstellung des chinesischen Konzeptkünstlers und Regimekritikers in Europa steht unter dem Motto „Everything is art. Everything is politics“: Alles ist Kunst, alles ist Politik

Florian Pfitzner
17.05.2019 | Stand 22.05.2019, 20:27 Uhr

Düsseldorf. Er hat sie geradegebogen, die hunderttausend aus den Trümmern geborgenen Stahlstangen. Sorgfältig gebündelt liegen sie in Holzkisten, eine Sarglandschaft. Ai Weiwei gießt die Verarbeitung des schweren Erdbebens in der südwestchinesischen Provinz Sichuan in eine künstlerische Form. So gewaltig die Zahl der Toten, 70.000 hat die Katastrophe gefordert, so wuchtig schlägt einem „Straight" im Düsseldorfer Museum K20 entgegen. Die Vorhaltungen reichen von Korruption über Pfusch am Bau bis hin zu Vertuschung im Unglücksjahr 2008. Ai steht in der Phase seiner endgültigen Politisierung. Er verlangt Aufklärung, fängt an, die Namen der gestorbenen Kinder im Internet zu veröffentlichen. Die Liste gleicht bald einem Mahnmal. Schließlich schaltet die Partei seinen Blog ab. Als Aktivist sei er Künstler, sagt die Direktorin der Kunstsammlung NRW, Susanne Gaensheimer, „und als Künstler ist er Aktivist". 100 Millionen künstliche Sonnenblumenkerne Gegenüber der Grabbe-Halle, die jetzt zu einer „Gedenkhalle" geworden sei, wie Kuratorin Doris Krystof sagt, reichen 650 Quadratmeter gerade aus, um einhundert Millionen künstliche Sonnenblumenkerne zu einem riesigen Rechteck zu formen. „Sunflower Seed" hat Ai die gewaltige Häufung der handgefertigten Kleinstskulpturen aus Porzellan genannt. Es ist eine Anspielung auf die politische Ikonografie Mao Zedongs. In China würde dem Einzelnen, dem Individuum, bis heute keine angemessene Aufmerksamkeit geschenkt, sagt Ai. Erst durch die Quantität gewinne das Werk seine Qualität, heißt es im Katalog. Das tonnenschwere Porzellanfeld liegt einfach so da, ohne Abstandshalter, was das Sicherheitspersonal in den Häusern K20/K21 schon vor der Ausstellungseröffnung am 18. Mai bangen lässt. Nähe zu Beuys Zwei Straßenbahnstationen weiter, im Düsseldorfer Museum K21, sitzt der Künstler nun beim Pressegespräch. Es gibt lange Vorreden der Veranstalter über Meinungsfreiheit, Migrationskrise und Menschenrechte. Mit der Erweiterung seines Kunstbegriffs, bei dem politisches und künstlerisches Handeln einhergehen, „steht Ai Weiwei sicherlich den Gedanken von Joseph Beuys sehr nahe", sagt Gaensheimer. Ai Weiwei hat für den Flyer seiner in Europa bislang umfangreichsten Schau ein Selbstporträt bereitgestellt, das ihn schwungvoll gehend zeigt. Es entstand in Anlehnung an ein Foto des von ihm geschätzten Künstlers Beuys aus Düsseldorf. „Er sieht besser aus", sagt Ai, 1957 geboren in Peking. Unbehagliche Eingangssituation Eine Etage tiefer, im Kellergeschoss des K21, steht man wieder mitten im Werk. Zwischen gereinigten und gebügelten Kleidungsstücken, aufgereiht an Kleiderbügeln an handelsüblichen Kleiderständern, geht es durch den „Laundromat", den Waschsalon: Jeans und Hemden, T-Shirts und Babystrampler. Ai erzeugt eine unbehagliche Eingangssituation, er hievt die Wirklichkeit in den Museumsraum. In diesem Fall das Flüchtlingslager von Idomeni in der griechisch-mazedonischen Grenzregion. Als das Flüchtlingslager geräumt wurde, sammelte Ai mit seinen Helfern die zurückgelassenen Klamotten ein. In seinem Studio wusch und reparierte er die Habseligkeiten. Wie bei „Straight" wandelte er das aufgelesene Material zu scheinbar fabrikneuen Produkten um. Ob er sich mit den geflüchteten Menschen von der Balkanroute mal ausgetauscht habe? Sicher, sagt Ai, der längst in Berlin lebt. Außerdem sei er ja „selbst ein Migrant". Totenschiff aus Bambus und Sisal Hinterm Waschsalon stößt man auf ein 17 Meter langes Schlauchboot aus Bambus und Sisal. Die Passagiere erscheinen als geisterhafte Figuren, das Boot als Totenschiff. Nebenan die sechs Dioramen „S.a.c.r.e.d" – gewaltige, fünf mal drei Meter große Eisenkästen, in deren Inneren man Ai während seiner Haftzeit 2011 sehen kann. Die Ausstellung „Ai Weiwei" läuft bis zum 1. September im K20/K21. Dienstags bis freitags: 10 bis 18 Uhr; samstags, sonntags, feiertags: 11 bis 18 Uhr

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