Nachdenklich gestimmt: Marc Grandmontagne, Direktor des Bühnenvereins, Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Susanne Keuchel, Präsidentin des Kulturrats, Autor und Regisseur Nuran David Calis und Moderator Stefan Brams. - © Jörg Dieckmann
Nachdenklich gestimmt: Marc Grandmontagne, Direktor des Bühnenvereins, Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Susanne Keuchel, Präsidentin des Kulturrats, Autor und Regisseur Nuran David Calis und Moderator Stefan Brams. | © Jörg Dieckmann

Debatte Wie die Kultur Antworten auf den Rechtsruck sucht

Auf Einladung des Theaters Bielefeld und der Neuen Westfälischen diskutierten Kulturmacher über zunehmende Angriffe rechter Organisationen auf Künstler, Theater und andere Kulturinstitutionen

Bielefeld. Bereits Gotthold Ephraim Lessing nannte das Theater eine „Schule der moralischen Welt“. Aber wie können Bühnen darauf reagieren, dass Phänomene wie der ausgehöhlte Sozialstaat in breiten Bevölkerungsschichten Unzufriedenheit und Frust zur Folge haben, die sich immer massiver in Form eines politischen Rechtsrucks entladen? Knapp zwei Wochen vor der Europawahl widmete eine Podiumsdiskussion sich am Dienstagabend im Bielefelder Theater am Alten Markt der komplexen Frage nach dem Spannungsfeld zwischen Kulturinstitutionen und wachsendem Rechtspopulismus. "Wir stehen als Gesellschaft extrem unter Spannung" In der vierten Auflage der Reihe „Lob der Freiheit“, die das Stadttheater in Kooperation mit der Neuen Westfälischen veranstaltet, zog Marc Grandmontagne, Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, die ernüchternde Bilanz, dass die künstlerische Freiheit als Grundfeste einer lebendigen Demokratie von autoritär agierenden Parteien immer häufiger in Frage gestellt wird. So versuchte der AfD-Kreisverband Paderborn im vergangenen Sommer vergeblich, gegen eine Grafik im Programmheft des Theaters Paderborn juristisch vorzugehen. Die Kombination von Hakenkreuz und AfD-Logo mit einer Darstellung der Wahlergebnisse von NSDAP und AfD diskreditiere die Mitglieder und Wähler der Partei, hieß es in der Strafanzeige. „Wir leben längst in einer Weltgesellschaft, doch wir haben nicht die Strukturen dafür. Was der Rechtspopulismus suggeriert, ist, dass es aus dieser Welt den Notausgang gibt“, machte Grandmontagne deutlich, mit welchen Illusionen rechtspopulistische Parteien locken. „Wir stehen als Gesellschaft extrem unter Spannung, aber es hat niemand einen Fahrplan, der rausführt, denn die Welt ist unfasslich kompliziert geworden.“ Das Theater ermöglicht Begegnungen Der Autor und Regisseur Nuran David Calis plädierte dafür, Bühnen als Ort der Sichtbarmachung von Solidarität zu nutzen. „Wie können wir einander anleuchten, um zu wissen, mit wem wir dieses Land gestalten?“, führte Calis aus, dass Theater Begegnung ermöglicht – und damit auch ein Einfühlen in andere Biografien, die das Fremde der Anonymität entreißen. Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, erhielt viel Beifall für sein Bekenntnis zur „aufgeklärten Lakonie“: eine Bildungsarbeit, die den illusionären Charakter des rechtspopulistischen Harmonieversprechens mit der Frage entlarvt, ob Menschen mit der damit zwangsläufig einhergehenden permanenten Aggressivität leben wollen. Die Abrutschgefährdeten könne man im Gegensatz zu abgeschotteten Extremisten zurückholen, wenn man sich die Mühe mache, in Diskussion zu gehen. „Menschen wollen mehr als Zuckerwatte, es gibt das Begehren zu wissen, die Sehnsucht nach Faktizität“, ermutigte er, Alternativen zum konsumistischen Lebensstil aufzuzeigen. "Kulturinstitutionen kommt die Rolle „bezahlter Gesellschaftspflege“ zu" Der Dystopie mutige Zukunftsvisionen entgegenstellen, darin sieht auch Susanne Keuchel, Präsidentin des Deutschen Kulturrats, ein probates Mittel erfolgreicher kultureller Bildung. „Können wir die Gesellschaft so verändern, dass sich Menschen in einem demokratischen Prozess gut aufgehoben fühlen?“ Kulturinstitutionen komme dabei die Rolle „bezahlter Gesellschaftspflege“ zu, waren sich die Diskutierenden im Verlauf der von NW-Kulturchef Stefan Brams moderierten Veranstaltung einig. Häufig zur „Elitenkultur“ abgestempelt, müsse Kultur offensiv für demokratische Werte eintreten, um im öffentlichen Diskurs nicht in eine defensive Rolle gedrängt zu werden, so Knigge. „Dulden ist ein Mittel, solche Positionen hoffähig zu machen“, sprach Knigge sich dafür aus, die subtile Verschiebung politischer Normen nicht stillschweigend hinzunehmen. Ein Abend, der Mut machte, im Rechtspopulismus auch eine Chance zu sehen, Demokratie zu erneuern.

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