Schaut genau hin: Annemarie Leiser-Ellersiek aus Spenge ist von der Naturdarstellung in Stenners Bild „Mit Kastanien bestandener Kanal“ begeistert. „Was für ein Moment der Schönheit ist das, den er uns hier geschenkt hat.“ - © Barbara Franke
Schaut genau hin: Annemarie Leiser-Ellersiek aus Spenge ist von der Naturdarstellung in Stenners Bild „Mit Kastanien bestandener Kanal“ begeistert. „Was für ein Moment der Schönheit ist das, den er uns hier geschenkt hat.“ | © Barbara Franke

Serie "Mein Lieblingsbild" „Das Bild weckt Sehnsucht in mir“

Annemarie Leiser-Ellersiek stellt Hermann Stenners „Mit Kastanien bestandener Kanal“ aus dem Jahr 1909 vor. Die pensionierte Lehrerin ist von der Ruhe des Werks beeindruckt

Bielefeld. Schon als Schülerin hat Annemarie Leiser-Ellersiek erste Berührungen mit der Malerei von Hermann Stenner gehabt. „Über dem Sofa im Wohnzimmer meiner Nachhilfelehrerin hing ein Bild des Bielefelder Malers", erzählt sie nach dem exklusiven Rundgang für NW-Leser durch die Ausstellung „Hermann Stenner und seine Zeit". Dessen gelb-orange-rote Farbigkeit habe sie damals schon fasziniert gehabt, so die 71-Jährige. Hat sie es in der Ausstellung im neuen Kunstforum Hermann Stenner wiederentdeckt? „Nein, leider nicht, aber meine Erinnerung an das Bild ist auch zu blass, ich weiß nicht mal mehr den Titel", sagt sie und betont: „Ich bin aber generell begeistert von dem Wiedersehen mit seiner Malerei in dieser großen Schau. Sie ist für mich eine Offenbarung. Und auch die Fülle seines Werks lässt mich staunen." Von der Ruhe, die das Bild ausstrahlt ist sie angetan Für „ihr" Bild, das sie heute in der Serie „Mein Lieblingsbild" vorstellt, entscheidet sie sich trotz der 200 Werke, die zur Auswahl stehen, schnell. Es ist ein eher kleinformatiges, unscheinbares Werk, das den Titel „Mit Kastanien bestandener Kanal" trägt. Von den vielen Grün-Schattierungen sei sie angetan, sagt Leiser-Ellersiek. Ebenso von der Ruhe, die das Bild ausstrahlt und vom Wasser, „das an einigen Stellen geheimnisvoll und tief wirkt". „Kleine Stege laden dazu ein, sich dem Wasser zu nähern, in es hineinzuschauen, sich in den Anblick des Wasserspiegels zu versenken", beschreibt sie das Bild weiter. Fasziniert sei sie vom Laubdach der Bäume, das sich wie ein Gewölbe über den Kanal erhebe. „Und auch von den Kastanien, die in ihrer vertikalen Ausrichtung einen Gegenpol zur Blickrichtung bilden, den der Kanal fordert, bin ich angetan", fügt sie an und sagt: „Das Bild weckt in mir die Sehnsucht nach Plätzen in einer harmonischen Landschaft, wo ich mir eigene Bilder ,malen’ kann, die mich dann für eine Weile in meinem Alltag begleiten. Das ist Schönheit für mich." Auch aus diesem Grund habe sie das Bild den Lesern unbedingt vorstellen wollen, sagt die pensionierte Berufsschullehrerin, die in Spenge lebt. "Ich spüre, dass der Maler für seine Malerei regelrecht entflammt war" Stenner, 1891 in Bielefeld geboren, hat das Bild 1909 während seines Aufenthalts in München und Dachau gemalt. „Dort förderten Hans von Hayek und Ludwig Dill, zwei erfahrene Künstler, die Malkünste des Bielefelder Malers", erläutert Stenner-Sammler Hermann-Josef Bunte, aus dessen Sammlung das Bild stammt, im Gespräch mit Leiser-Ellersiek. Auch dass ein erst 18-Jähriger ein solch intensives Bild gemalt hat, beeindruckt die Betrachterin. „Ich glaube bei der Betrachtung dieses Bildes spüren zu können, dass dieser junge Mensch für seine Leidenschaft, die Malerei, regelrecht entflammt war. Ein Heranwachsender, der damals noch nicht ahnt, dass er nur fünf Jahre später sterben wird." Das Bild steckt voller Symbolik für die Betrachterin Für Leiser-Ellersiek steckt in dem Bild auch jede Menge Symbolik. Sie verweist auf das Wasser, den Kanal und die Brücke. „Sie stehen für mich stellvertretend für Bewegung und Suche, Disziplinierung und das Finden neuer Wege. Gerade durch die helle Farbgebung des Wassers hinter dem Brückenbogen drückt Stenner für mich aus, dass er noch viele Wege und Entwicklungsmöglichkeiten für sich sieht", betont die Naturliebhaberin. Deutungen, von denen Hermann-Josef Bunte angetan ist. Er sagt: „Das Bild wurde in der Tat zu einem Schlüsselbild für Stenner, denn sein damaliger Lehrer Hans von Hayek kam aufgrund dieses Bildes zu der Aussage: ,Mensch, Stenner, Sie sind ja ein richtiger Impressionist’ und empfahl ihn damit an seinen nächsten Ausbilder, Christian Landenberger, an die Stuttgarter Akademie weiter." Insofern sei die Deutung der Brücke als Motiv, „das für seinen Weg in die Zukunft steht", sehr treffend. „Ihr macht Euch keinen Begriff, mit welcher Freude ich immer des Morgens da draußen male" Bunte verweist zudem auf einen Brief Stenners an seine Eltern, in dem er schrieb: „Ihr macht Euch keinen Begriff, mit welcher Freude ich immer des Morgens da draußen male." „Eben ein kleines, stilles Bild voller Schönheit, in dem er sehr viel von sich preisgibt", so Bunte. Annemarie Leiser-Ellersiek nickt zustimmend. Sieben Leser deuten in unserer Serie Bilder aus der Ausstellung „Hermann Stenner und seine Zeit". Zu sehen ist die Schau noch bis zum 18. August. Weitere Informationen über die Ausstellung und die Öffnungszeiten gibt es im Netz unter www.kunstforum-hermann-stenner.de.

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