Sonderanfertigung: Wolfgang Voss mit mit seinem „Wander-Waschbrett" inklusive Waschbrett-Krawatte. Fotos: Frank-Michael Kiel-Steinkamp - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Sonderanfertigung: Wolfgang Voss mit mit seinem „Wander-Waschbrett" inklusive Waschbrett-Krawatte. Fotos: Frank-Michael Kiel-Steinkamp | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Musik Rhythmus, der sich gewaschen hat

Das Waschbrett als Instrument: Wolfgang „Waschbrett Wolf“ Voss aus Bünde pflegt eine spezielle Tradition des Schlagzeugspiels

Thomas Klingebiel
19.04.2019 | Stand 18.04.2019, 19:25 Uhr

Bünde. Mangel an Instrumenten hat noch nie vom Musikmachen abhalten können. In Amerika war den aus Afrika verschleppten Sklaven der Gebrauch von Trommeln verboten. Dennoch erzeugten sie weiter ihre vertrauten Rhythmen: mit Händen und Füßen und allem, was sich dafür zweckentfremden ließ. Zum Beispiel Waschbretter. Ein Stück Blech, über das mit Fingerhüten, Löffeln, Flaschenöffnern oder Schneebesen gestrichen und geschrappt wird, war in den Anfängen von Blues und Jazz das perkussive Fundament kleiner oder auch größerer Bands. Das Skiffle-Revival der 50er Jahre bescherte dem Waschbrett eine anhaltende Renaissance. „Waschbretter waren überall vorhanden und billig zu haben", erklärt Wolfgang Voss die Beliebtheit. „Sie werden bis heute geschätzt, weil sie andere Instrumente nicht platttrommeln und dennoch einen prägnanten Groove liefern können." Waschbrett-Unikate aus Holz geschnitzt In Voss’ privatem Museum im Bünder Stadtteil Ennigloh hängen 70 Exemplare des musikhistorisch bedeutenden Haushaltsgeräts an den Wänden. An die 300 Waschbretter aus über 20 Ländern hat der Drummer von „Greyhound’s Washboard Band" und der „Zwei-Mann-Kapelle" im Laufe der Jahre gesammelt. Die meisten sind aus Metall gefertigt, aber Voss besitzt auch 200 Jahre alte, aus Holz geschnitzte Unikate und Exemplare aus Zink, Alu, Glas oder Bakelit. "Rubboards" speziell fürs Musizieren Auf den ersten Blick mögen sich Waschbretter sehr ähneln, doch Voss erkennt feine Unterschiede. „Verzinktes Stahlblech klingt weicher und runder", erläutert der 56-jährige Waschbrett-Virtuose. „Edelstahl hört sich schnell nach Heizkörper an." Allerdings nicht die sogenannten „Louisiana Rubboards", die speziell fürs Musizieren entwickelt wurden. Sie sind zwar auch häufig aus Edelstahl gefertigt, doch sie hängen vor der Brust des Musikers und die Kleidung dämpft die unerwünschten Obertöne. Die Wellenform, ob rund oder eher scharfkantig, wirkt sich ebenfalls aus. „Ich hör’ sowas sofort", sagt Voss alias „Waschbrett Wolf". Auch die Spielhaltung sei entscheidend: Zwischen den Beinen gehalten, kann das Waschbrett beidseitig bespielt werden. Zwei übereinander montierte Bretter ergeben in dieser Position wegen des Resonanzraums wieder einen anderen Sound. Wolfgang Voss kam in einer Selbstfindungsphase nach einer Optiker-Lehre in der Jazz-Werkstatt der Bielefelder Volkshochschule in den 80er Jahren zum Waschbrett. Anschließend gründete er mit fünf befreundeten Musikern „Onkel Wilhelms Jazzkapelle". „Mich hat das Improvisieren der Waschbrett-Spieler fasziniert. Wir haben intensiv Aufnahmen der Washboard-Bands von Clarence Williams, Johnny Dodds oder Tiny Parham aus den 20er, 30er Jahren abgehört und authentisch nachgespielt", sagt Voss. „Diese Spielart des New Orleans Jazz kommt beim Publikum immer noch gut an." Seine Suche nach Qualitäts-Waschbrettern, die sich nicht so schnell abnutzen wie beispielsweise die gepressten Billig-Exemplare aus den USA, führte Voss zum VEB Holzverarbeitung Angermünde. Der hatte die Produktion nach der Wende zwar eingestellt, aber Voss ergatterte „die letzten vier Waschbrett-Exemplare der DDR", wie er schmunzelnd erzählt. Später kaufte er auch die Produktionsmaschine und startete vor 25 Jahren eine eigene Herstellung. Mittlerweile verkauft Voss über seinen Internetversand allein vier klassische Waschbrett-Modelle, dazu Modelle für Kinder und mit ausgesuchter Zusatzausstattung: gestimmte Kuhglocken aus Österreich, Tempelblocks aus China, Ballhupe, Klingel. Kunden sind Profi- und Hobbymusiker aus ganz Europa. Schon wenn der Waschbrett-Virtuose sein vielteiliges stationäres Schlagwerk-Instrumentarium samt mächtiger Basstrommel von 1917 aufbaut, sorgt er für Aufsehen – auch und gerade im US-Süden, wo Washboard Bands einst an jeder Straßenecke zu hören waren. Im vergangenen Jahr spielte Voss mit Greyhound’s Washboard Band in Memphis und war dort mit seiner auch optisch attraktiven Perkussionsshow ein Publikumsmagnet. Um den Fortbestand der Tradition macht sich der Musiker, der auch Workshops für Erwachsene und Kinder gibt, keine Sorgen. Anfragen aus ganz Europa zeigen ihm: „Auch junge Bands setzen wieder aufs Waschbrett." Weitere Informationen: www.waschbretter.de

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