Bei der Lektüre: Dietrich Lemke, der sich als Poet Michel Diekert nennt. - © Dennis Angenendt
Bei der Lektüre: Dietrich Lemke, der sich als Poet Michel Diekert nennt. | © Dennis Angenendt

Kultur Verse mit Suchtgefahr

Michel Diekert dichtet Bruchsteinverse, die er in einem faszinierenden Buch zusammengefasst hat

Stefan Brams
27.03.2019 | Stand 26.03.2019, 14:52 Uhr

Bielefeld. Dieter Lemke war Professor für Erziehungswissenschaften an der Bielefelder Uni. Seit 2008 ist er im Ruhestand. Doch der 76-Jährige ist eben nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Poet und Musicus, der seit den den 1960er Jahren einen großen Faible für das Spiel mit der Sprache hat. „Ich habe meinen Vater zwar nicht kennengelernt, da er in der Endphase des Zweiten Weltkriegs als Soldat gefallen ist, aber laut familiärer Überlieferung verdanke ich eindeutig ihm meine Lust am Spiel mit der Sprache", sagt Lemke, der unter dem Namen Michel Diekert, „ein Anagramm aus den Buchstaben meines wirklichen Namens", seine Verse schmiedet. "Mit Bruchsteinversen lässt sich noch subtiler dichten" Zunächst hatten es ihm Schüttelreime angetan, deren Gilde er offiziell angehörte. 1992 goss er seine Sammlung in ein Buch, dann fand er zu den Bruchsteinversen, denen seitdem seine ganze Leidenschaft gilt. Warum? „Weil sich mit ihnen noch subtiler dichten lässt, weil der Bruchsteinvers Wortwitz pur ist, mit dem sich auch ernste Themen mit sehr viel Humor rüberbringen lassen und weil sie noch respektloser sind", wie Diekert betont. Und was genau ist ein Bruchsteinvers? Diekert gibt die Antwort prompt: „Er hat die Besonderheit, dass der in der Überschrift genannte Begriff im Vers nur als Klangbild verwendet wird, also ohne Rücksicht auf seine sonst übliche Bedeutung." Klingt abstrakt. Diekert gibt ein Beispiel für einen Bruchsteinvers. Unter der Überschrift „Abendmahl" dichtet er: „Morgen’s aufstehn’ ist ne Qual./Ich probier’s am Abendmahl." "Die Ausgangsbegriffe müssen immer klar erkennbar bleiben" Eben aus dieser Spannung zwischen der ursprünglichen und der durch den Verszusammenhang neu geschaffenen Bedeutung des Wortmaterials ergebe sich die Pointe des Verses, betont der Autor weiter und weist darauf hin, „dass die Ausgangsbegriffe immer klar erkennbar bleiben müssen und nicht verstümmelt werden dürfen, um in den Vers zu passen". 450 Wortspiele von „Abadan" bis „Zyklop" hat Diekert in seinem Buch versammelt. Herrliche Verse zum Stolpern, Schmunzeln und Nachenken sind auf den 127 Seiten des Bandes verwandelt, der nun in vierter Auflage vorliegt. 80 neue Verse hat Diekert hinzugefügt, unverständliche aussortiert. Hilmar Koch hat den Band mit Karikaturen versehen und in Original Recycling Papier der DDR eingebunden. Ein kleines Schätzchen ist dieser Band geworden. Einen Tipp hat Diekert noch parat: „Lesen Sie sich die Verse laut vor, dann erschließt sich der Bruchsteinvers gleich viel eher." Michel Diekert: Bruchsteinverse. 16 Euro, Offizin Schwarze Kunst – Krakow am See, 2018. ISBN-978-3-00-034033-8

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