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Kommt zu kurz: Beim Jugendschutz dürfen die Streaming-Dienste sich selbst einstufen. - © dpa
Kommt zu kurz: Beim Jugendschutz dürfen die Streaming-Dienste sich selbst einstufen. | © dpa

Kultur Streaming ohne Jugendschutz

Sendezeitbeschränkungen sind in der neuen Medienwelt vollkommen untauglich

Tilmann P. Gangloff
16.01.2019 | Stand 15.01.2019, 18:53 Uhr

Bielefeld. Im Fernsehen gibt es klare Jugendschutzregeln: Sendungen mit einer Freigabe ab 16 Jahren dürfen erst nach 22 Uhr ausgestrahlt werden, Filme ab 18 nicht vor 23 Uhr. In der alten Medienwelt hat diese Gesetzgebung sehr gutfunktioniert, in der neuen sind Sendezeitbeschränkungen jedoch vollkommen untauglich; und genau hier tummelt sich die Zielgruppe, die doch eigentlichgeschützt werden soll. Bei Netflix lief die neue deutsche Serie „Dogs of Berlin“. Sie enthielt einige ungewöhnlich brutale Szenen, die bei einem Kinofilm zu einer Freigabe ab 16 Jahren geführt hätten; Netflix darf die Serie rund um die Uhr anbieten. "Der Jugendschutz wird noch absurder, als er ohnehin schon ist“ Mit Streaming-Diensten wie Netflix oder Prime Video von Amazon, sagt Joachim von Gottberg, werde der Jugendschutz „noch absurder, als er ohnehin schon ist.“ Der Geschäftsführer der vor 25 Jahren gegründeten Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF, Berlin) warnt davor, dass der Jugendschutz seine Glaubwürdigkeit verliere, wenn das eine Medium mit aller Konsequenz, das andere dagegen quasi gar nicht kontrolliert werde; „dabei zeigen alle Untersuchungen, dass Jugendliche zu einem hohen Prozentsatz nicht mehr fernsehen, sondern Streaming-Dienste nutzen.“ Diese Dienste dürfen ihre Programme, sofern es nicht bereits bestehende Altersfreigaben gibt, selbsteinstufen. Es ist vor allem diese Diskrepanz, die Gottberg beklagt: Das klassische Fernsehen, das für Jugendliche kaum noch eine Rolle spiele, „ist nach wie vor hoch reguliert. Der Bereich hingegen, in dem sie sich regelmäßigaufhalten, unterliegt nur der Selbsteinschätzung.“ Beschräknungen mit Video-Kindersicherung festlegen Laut Jugendmedienschutz-Staatsvertrag dürfen Streaming-Dienste ähnlich wie TV-Sender Inhalte, die für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet sind, erst ab 22 Uhr anbieten. Allerdings können sie auf diese Zeitbeschränkungen verzichten, wenn sie die Wahrnehmung des Angebots „durch technische odersonstige Mittel“ unmöglich machen oder wesentlich erschweren, wie es im Gesetz heißt. Prime Video, erläutert ein Amazon-Sprecher, biete Mitgliedern daher die Möglichkeit an, Beschränkungen für Video-Inhalte mit der Prime-Video-Kindersicherung festzulegen. Prime Video verwendet die Einstufungen der FSK als Grundlage für die Kindersicherheitseinstellungen. Für Inhalte,die ab 18 Jahren eingestuft worden seien, „muss den gesetzlichen Regelungenfolgend vorher eine Bestätigung der Volljährigkeit des Account-Inhabers erfolgen. Neben gültigen Zahlungsinformationen müssen Mitglieder dazu eine Bestätigung der Daten ihres Reise- oder Personalausweises hinterlegen.“ Gottberg verweist jedoch auf einen Test mit einem 15-Jährigen, der sich problemlosanmelden konnte. "Transparentes und plausibles System" Aber selbst wenn alles mit rechten Dingen zugeht: Ist ein Zugang erst mal freigeschaltet, liegt es im Ermessen der Abonnenten, wie ernst sie ihre Aufgaben als Erziehungsberechtigte nehmen. Bei Netflix kann der Hauptnutzer Unterkonten anlegen, zum Beispiel für seine Kinder. Wenn er diesen Konten keine eigene Identifikationsnummer (PIN) zuweist, was laut Gottberg ohnehin gar nicht so einfach sei, könne sich jedes Kind mit dem Konto des Hauptnutzersanmelden und ungehindert alle Angebote anschauen. Die Kritik des FSF-Chefs allerdings weniger den Anbietern, sondern vor allem dem Gesetzgeber, der offenbar auf dem Standpunkt stehe: Man regele alles, was regelbar sei, und finde sich damit ab, dass entsprechende Bestimmungen im Netz nicht mehr durchzusetzen seien. Wünschenswert wäre daher „ein transparentes und plausibles System“, das sich auf die Inhalte und nicht mehr auf den Zugang bezieht.“ Die Hoffnung, das Problem mit Hilfe der Technik zu lösen, dürfte sich zerschlagen haben: Das Jugendschutzprogramm JusProg wird laut Gottberg in gerade mal zwei Prozent der Haushalte mit Kindern genutzt. Er plädiert dafür, den Regulierungsgrad im Internet zu erhöhen: Kommerzielle Plattformen sollten verpflichtet werden, bestehende Freigaben der FSK (Kino, DVD) oder der FSF (TV) zu beachten. Für Inhalte, die dort bislang nicht vorgelegen hätten, sollten die Anbieter eine Altersfreigabe beantragen, sofern die entsprechenden Filme und Serien für Jugendliche womöglich nicht geeignet seien. Außerdem könnte der Gesetzgeber Standards für technische Zugangsbeschränkungen festlegen, die für alle Plattformen verbindlich würden.

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