Sturz durch die Galaxis: Lebemann (Jan Hille, links) und Kommandant (Thomas Wehling) sind Todgeweihte im All. - © Joseph Ruben
Sturz durch die Galaxis: Lebemann (Jan Hille, links) und Kommandant (Thomas Wehling) sind Todgeweihte im All. | © Joseph Ruben

Theater Bielefeld Inszenierung trifft einen Nerv der Zeit

Deutsche Erstaufführung: „Kaleidoscope_To the Dark Side of the Moon“ feierte Premiere im Theater am Alten Markt

Antje Doßmann
24.11.2018 | Stand 23.11.2018, 21:12 Uhr

Bielefeld. Am Theater Bielefeld läuft mit „German Love Letters" aktuell ein Stück der jungen Theatermacherin Lisa Danulat, das von der Sehnsucht handelt, die irdische Raum-Zeit-Dimension zu verlassen und exterritorial menschliches Zusammenleben gelingender zu organisieren als auf der Erde. Michael Heicks, Intendant dieses Theaters, greift mit „Kaleidoscope_ To the Dark Side of the Moon" diesen Faden auf und setzt eine Inszenierung entgegen, die wie die Antwort einer Generation klingt. Einer von popkulturellen Einflüssen geprägten Generation, die sich mit dem Menschen im All schon einmal sehr tiefgründig und ausgesprochen komplex auseinandergesetzt haben. Überzeugende, nachdenklich stimmende Botschaft Die Helden, die den Soundtrack für das von Daniel Rohr konzipierte und wie ein Musikvideo anmutende Drama lieferten, hießen Ray Bradbury und vor allem Pink Floyd. Lagen der einstündigen Collage, die auf der schräg gestellten Ebene der Spielstätte am Alten Markt zu sehen war, doch ein Teil von Bradburys Erzählsammlung „Der illustrierte Mann" von 1951 ebenso zugrunde wie Pink Floyds „The Dark Side of the Moon" von 1973, eines der berühmtesten Alben der Musikgeschichte. Was für eine Synthese. Und was für eine schlicht überzeugende, nachdenklich stimmende Botschaft. Auf welche Weise ein Mensch auf sein Leben zurückblickt, wenn es zu Ende geht, ob er glücklich ist oder verzweifelt, hängt einfach nur davon ab, ob er erfüllt gelebt hat. Ob nun in der Welt oder im Weltall. Mensch bleibt Mensch. Das ist alles, hört sich so wenig an und ist so viel. Im freien Fall durch die Galaxien In „Kaleidoscope_To the Dark Side of the Moon" (Dramaturgie: Anne Vogtmann) wird imaginiert, dass ein Raumschiff explodiert ist und sich die Belegschaft im freien Fall durch die Galaxien befindet. Ein jeder für sich, nur noch per Funk mit dem anderen verbunden, Kilometer um Kilometer sich von dem einstigen Widersacher, einstigen Schicksalsgefährten entfernend. Vollkommen zurückgeworfen auf das Eigene, aus der Bahn katapultiert, in unterschiedlichen Richtungen unterwegs, von unterschiedlichen Kraftfeldern angezogen. Ein Sterbeprozess. Jan Hille, Christina Huckle und Thomas Wehling spielen drei dieser Todgeweihten, und wie sie das machen in den von Anna Sörensen fantasievoll entworfenen Kostümen und vor dem von Sascha Vredenburg gedrehten, mal den Weltraum, mal die Erde reflektierenden Bildhintergrund, ist fantastisch. Hille als der wohlständige, aus dem Vollen schöpfende Lebemann mit Frauen auf Mars, Jupiter und Venus, dem keiner was kann und der entsprechend gelassen gen Untergang rast. Huckle als zunächst endlich Aufbegehrende und dann doch milde Einlenkende. Sie strahlt in den unendlichen Weiten, durch die sie fällt und fällt, körperlich eine unendliche Traurigkeit aus. Aber es ist vor allem ihre Gesangsstimme, die beeindruckt und bewegt.  Verbrennen wie ein Streichholzkopf Wehling schließlich, der Kommandant, ein zu Lebzeiten Ängstlicher, sich auf Niemanden Einlassender. Ihn, der stürzend als Einziger und sicherlich nicht aus Zufall auf die Erde zusteuert, trifft die Reue kurz vor dem „Verbrennen wie ein Streichholzkopf" am Härtesten. Ach, könnte er doch bloß zum Schluss wenigstens einmal etwas Gutes tun. Ein Kind auf der Erde, das ihn sieht und für eine Sternschnuppe hält, erlöst ihn. So viel Gnade gewährt das Stück, gewährt Heicks’ Inszenierung, gewähren Ray Bradbury und bei aller Düsternis auch Pink Floyd. Es war wunderbar, die vielgeliebten Klassiker ihres Rekord-Albums – „Speak to me/Breathe", „Time", „Money", „Us and Them" und wie sie alle heißen – wiederzuhören. Noch dazu sinfonisch begleitet, wozu sie sich hervorragend eignen. Das live aufspielende „Arminio-Quartett" (Johanneke Haverkate und Julia Parusch an den Violinen, Friedemann Jörns an der Viola und Max Gundermann am Violincello) und die Pianistin Dariya Maminova unterstrichen das unter der musikalischen Leitung von Norbert Stertz mit zurückhaltender, meisterhafter Klasse. Und das Trio auf der Bühne sorgte mit seiner fließend und mit beiläufiger Selbstverständlichkeit angestimmten Interpretation der Songs dafür, dass der Gesang immer wie ein Teil der Dialoge klang, nie wie ein musicalhaftes Anhängsel. Das alles war großartig und löste beim Premieren-Publikum kometensturmhaften Beifall aus.

realisiert durch evolver group