Pakui Hardware: Das 2014 gegründete litauische Künstlerduo Neringa Cerniauskaite (l.) und Ugnius Gelguda beschäftigt sich oft mit der Frage, wie Technologie, Ökonomie und unsere Wahrnehmung sich gegenseitig bedingen. Im Kunstverein geht es um Biotechnologie. Ihre Skulpturen wirken wie beseelte Zwitter aus Natur und Künstlichem. Foto: Bittner - © Ralf Bittner
Pakui Hardware: Das 2014 gegründete litauische Künstlerduo Neringa Cerniauskaite (l.) und Ugnius Gelguda beschäftigt sich oft mit der Frage, wie Technologie, Ökonomie und unsere Wahrnehmung sich gegenseitig bedingen. Im Kunstverein geht es um Biotechnologie. Ihre Skulpturen wirken wie beseelte Zwitter aus Natur und Künstlichem. Foto: Bittner | © Ralf Bittner

Kultur Über den Körper hinaus

Der Kunstverein zeigt eine Installation des litauischen Künstlerduos Pakui Hardware. Das Duo beschäftigt sich mit Fragen rund um das Zusammenwachsen von natürlichem und gezüchtetem Biomaterial

Ralf Bittner

Bielefeld. „Extrakorporal“, also außerkörperlich oder über den Körper hinausgehend, nennt das litauische Künstlerduo Pakui Hardware seine Installation, die die gesamten unteren Räume des Bielefelder Kunstvereins im Waldhof einnimmt. Die präsentieren sich für die Dauer der Ausstellung in geschwungenen Formen. Weiches Licht fällt durch durchsichtigen Wellkunststoff. Verteilt in den Räumen schweben Skulpturen, in denen das Duo natürliche Elemente wie Leder, Fell, Chiasamen, Seeigelstacheln und künstliche Materialien wie Glas, Acryl, PVC, Textilien oder Silikon verarbeitet hat. Das Verschmelzen von Natürlichem und Künstlichem ist ein Thema von Pakui Hardware, ein anderes die Beziehung zwischen Materialität, Technologie und Ökonomie. Die Künstler interessiert die Frage, wie weit Technologie die Ökonomie und unsere physisch-körperliche Wahrnehmung von Wirklichkeit verändert. Pakui Hardware geht es um "Gewebeökonomie" Pakui Hardware zeigten 2017 in der SIC Galerie Helsinki die Installation „Creatures of Habit“, die regelmäßig automatisiert von Robotern umgebaut wurde. Ging es dem Künstlerduo dort um Automation, Robotik und Künstliche Intelligenz, wendet sich Pakui Hardware in der ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland der Biotechnologie zu, der „Gewebeökonomie“, wie Thomas Thiel das in seiner Einführung in die Ausstellung nennt. In Petrischalen wird organisches Gewebe außerhalb des Körpers gezüchtet, später aber implantiert und so zum Teil von Tieren oder Menschen.Wie lange bleibt der Empfänger solch extrakorporal entstandener Implantate oder Transplantate er selbst, wann entsteht ein neues Wesen, eine Symbiose aus Gezeugtem und Gezüchtetem, die vielleicht mehr ist als die Summe ihrer Teile? Zwischen Science Fiction und Schamanismus Die Forschung wendet sich auch Tieren wie den Hufeisenkrebsen zu, lebenden Fossilien, die wie manche Quallen wegen ihres Regenerationsvermögens im Fokus der Wissenschaft stehen. Lebensverlängerung oder Unsterblichkeit sind die Ziele. Wenn Sterblichkeit zum Wesen des Menschen gehört – was ist dann ein Unsterblicher? Diese Fragen führten das Duo zu den Skulpturen, die mal nach Mischwesen aus Pflanze und menschlichem Körper aussehen, mal nach Hybriden aus verschiedenen Lebensformen, wie sie sich H. G. Wells’ Dr. Moreau nicht fantastischer hätte ausdenken können. Poetische Erzählung über eine Welt jenseits des menschlichen Körpers Was sich konzeptionell und kühl anhört, kommt warm und sinnlich daher. Im gedämpften Licht scheinen die schwebenden Skulpturen beinahe lebendig oder schamanisch beseelt. Im weichen Licht stellt sich dank der fließenden Formen des von Neringa Cerniauskaite und ihrem Partner Ugnius Gelguda geschaffenen neues Raumgefühls fast das Gefühl ein, auf der geleeartigen Nährlösung, auf der Zellgewebe gezüchtet wird, in einer Petrischale zu sitzen und von dort aus Aldous Huxleys schöne neue Welt zu betrachten. Schamanisch beseelt scheinen auch Skulpturen und kostümierte Menschen in Tamara Hendersens Film „Seasons End: Out of Body“ zu sein. Der rund 25 Minuten lange Film entstand auf 16mm-Material und wurde für die Präsentation digitalisiert. Er dokumentiert und erweitert als eigenständiges Werk Hendersons Installation „Seasons End“, die sich seit 2015 in Ausstellungen, Performances und durch Reisen an viele Orte in aller Welt stetig weiterentwickelt hat. Die 1982 in Kalifornien geborene Henderson geht in ihrem Film über das reine Abbilden künstlerischer Prozesse, Zeiten oder Räume in Bild, Ton und Bewegung hinaus. Ausgefallene Kostüme, eigensinnige Charaktere und gewöhnliche Objekte verdichtet sie zu einer Choreografie auf Film, einer poetischen Erzählung über eine Welt jenseits des menschlichen Körpers. Die Ausstellung wird heute um 19 Uhr im Bielefelder Kunstverein, Welle 61, eröffnet und ist bis zum 24. Februar zu sehen. Geöffnet ist jeweils donnerstags und freitags von 15-19 Uhr, samstags und sonntags ab 12 Uhr. Zu den Präsentationen ist eine 24-seitige Broschüre mit Texten von Kunstvereinsleiter Thomas Thiel erschienen. Bereits am Samstag, 17. November, stellen Pakui Hardware sich und ihre Arbeit in einem Künstlergespräch vor. Beginn ist um 12 Uhr. Im Obergeschoss sind während des gesamten Ausstellungszeitraums die Jahresgaben 2018/19 zu sehen. Zur Verfügung gestellt wurden die von Moyra Davey, Shilpa Gupta, Florence Jung, Pakui Hardware, Arne Schmitt, Studio for Propositional Cinema und Nora Turato. Weitere Infos: www.bielefelder-kunstverein.de.

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