Starker Auftritt: Bernd Wilden dirigiert die Bielefelder Philharmoniker. Foto: Jörg Dieckmann - © Joerg Dieckmann
Starker Auftritt: Bernd Wilden dirigiert die Bielefelder Philharmoniker. Foto: Jörg Dieckmann | © Joerg Dieckmann

Kultur Gigantisches beim Film- und Musikfest

Bielefelder Philharmoniker untermalen den Film „Safety last“ von 1923

Christoph Guddorf

Christoph GuddorfBielefeld. Die Geschichte des Stummfilms „Safety last“ („Ausgerechnet Wolkenkratzer“) von 1923 ist durchaus zeitlos. Ein naiver Junge (dargestellt von „Brillencharakter“ Harald Lloyd) reist in die Großstadt, um sich und seiner Liebsten den „American Dream“ zu erfüllen. Im Niedriglohn-Sektor landend, versucht er verzweifelt, kreativ und nicht immer moralisch einwandfrei, gegenüber seiner nachgereisten Freundin den Schein von Erfolg und Wohlhaben aufrechtzuerhalten. Nicht nur für die versprochene Hochzeit muss schnellstens Geld her, zumal seine Freundin ihn zu allem Überfluss noch für den Kaufhaus-Manager hält. Die Ereignisse überschlagen sich – und mit ihnen die komischen wie waghalsigen Stunts, die Lloyd fast alle selbst und ohne Sicherung drehte und die Kinobesucher damals reihenweise in Ohnmacht fielen ließen. Permanente Ausschläge auf der Spannungs- und Lachskala Dies ist am heutigen Abend der unter dem Titel „Giganten“ laufenden diesjährigen Film-Reihe der Friedrich Wilhelm Murnau-Gesellschaft zwar nicht zu verzeichnen – dafür aber permanente Ausschläge auf der Spannungs- und Lachskala. Doch ganz nach dem Prinzip des „amerikanischen Traums“ wird der „kleine Mann“ zum Giganten, der an seinen Aufgaben und Hürden über sich hinauswächst und dabei (ausgerechnet) Wolkenkratzer – die Stein gewordenen Wahrzeichen des amerikanischen „Platzes an der Sonne“ – überwindet. Den Schwung der Ära eingefangen Die 1989 entstandene Filmmusik stammt von Carl Davis, der sich hier an der populären Musik der 20er Jahre, den Revuen und Musicals eines George Gershwin und Jerome David Kern orientierte, um neben Dixie-Anklängen den Glanz und den Schwung der Ära einzufangen. Auch die Jazz-Arrangements und die Besetzung der Paul Whiteman-Band waren für ihn ein wichtiges Vorbild. Und so meint man an der ein oder anderen Stelle eine vertraute Melodie zu vernehmen, die jedoch allesamt Davis’ kreativem Geist entsprangen. Neben Slapstick- greift Davis besonders für den Höhepunkt des Films auf klassische Techniken des Mickey Mousing-Elemente zurück, indem er die Dramatik Note für Note abbildet. Jeder nervenaufreibende „Zwischenfall“ spiegelt sich in der Musik, die der Atmosphäre und Spannung weiteren Zunder gibt. Wenn dieser „Zunder“ dann auch noch von so verlässlichen Partnern wie den Bielefelder Philharmonikern unter Bernd Wilden auf den Punkt geliefert wird, steht dem „untermalten“ Filmgenuss nichts im Wege. Das Publikum spendet enthusiastischen Beifall Angesichts der anspruchsvollen und nahezu ununterbrochen klingenden Partitur wird mit wenigen Streichern (darunter nur sieben Geigen), kleinerer Holz- und Blechbläserbesetzung sowie Schlagwerk und Klavier genauso Gigantisches geleistet. Das meint auch das Publikum, das nach geglückter „Gipfelerklimmung“ zunächst erleichterten, dann enthusiastischen Beifall gibt.

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