Hat Humor: Der in Wien lebende Autor Daniel Wisser. Foto: jung und jung - © jung und jung
Hat Humor: Der in Wien lebende Autor Daniel Wisser. Foto: jung und jung | © jung und jung

Kultur Arme Sau und Schwein zugleich

Daniel Wissers ungewöhnlicher Roman „Die Königin der Berge“ hat Chancen auf den österreichischen Buchpreis. Warum es dem Autor gelingt, existenzielle Fragen des Lebens mit Witz zu erzählen

Stefan Brams

Frankfurt.Am 5. November wird der österreichische Buchpreis verliehen. Daniel Wisser ist mit seinem mutigen, Tabu-Themen wie Freitodbegleitung und Sexualität von chronisch Kranken aufgreifenden Roman, „Königin der Berge", unter den verbliebenen fünf Kandidaten. Ob’s was wird mit dem Preis? „Ich bin mir nicht sicher, denn mit Josef Winkler ist auch einer der großen Namen der österreichischen Literatur nominiert", betont Wisser. Selbiger werde mit seinem Roman „Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe" seit längerem bereits als Favorit gehandelt. „Aber auf der Short-List zu stehen, ist ja auch schon ein Erfolg", freut sich der 46-Jährige im strahlenden Sonnenschein beim Gespräch auf der Piazza der Frankfurter Buchmesse. "Ich will über meine Figuren nicht moralisch urteilen" Wisser, geboren in Klagenfurt und in Wien lebend, braucht sein Licht überhaupt nicht unter den Scheffel zu stellen. Sein Roman hat alles, was ein starkes Buch braucht – ein fesselndes Thema (Freitodbegleitung), eine eigenwillige, gut lesbare Sprache, Mut zum ästhetischen Experiment (Sätze werden geschwärzt oder durchgestrichen als wäre ein Zensor am Werk) und eine Hauptfigur, die ihre Leser vom ersten Moment an fesselt und nicht wieder loslässt. Wissers Held heißt Robert Turin, wird aber nur „Herr Turin" genannt. Er ist Mitte vierzig, an MS erkrankt, hat einen Harnkatheter, sitzt im Rollstuhl, könnte ohne fremde Hilfe und Pflege in einem Heim, wo er seit Jahren lebt, nicht überleben. Er ist impotent, aber ständig hinter den Pflegerinnen her, nervt seine Umgebung mit seinem Ordnungswahn, manipuliert gerne Menschen (auch seine eigene, von ihm getrennt lebende Frau), besticht nötigenfalls mit Geld, säuft und zeigt doch auch ab und an seine mitfühlende, seine humorvolle Seite. Eine Kollegin schrieb über ihn in ihrer Rezension: „Er ist eine arme Sau, ja. Er ist aber auch ein Schwein." Während seines Zivildienstes hat er einen MS-Patienten kennengelernt „Eine sehr treffende Charakterisierung", wie Wisser im Gespräch auf der Messe einräumt. Hatte er ein reales Vorbild für seinen Helden? „Während meines Zivildiensts vor 20 Jahren habe ich einen MS-Patienten kennengelernt und mich täglich mit ihm unterhalten, so dass ich viel gelernt habe über das Alltagsleben von chronisch Kranken", erzählt Wisser. Dessen Krankengeschichte, der Patient ist bereits vor einigen Jahren gestorben, habe er auf seine Hauptfigur eins zu eins übertragen, „aber die Figur ist natürlich nicht genau dieser Patient, sondern eine literarische Überhöhung", betont der Autor, der 1994 das „Erste Wiener Heimorgelorchester" mit gegründet hat. Erzählt wird der Roman aus der Perspektive des Herrn Turin. „Es ist letztendlich ein einziger großer innerer Monolog des Kranken, der uns an den vielen Stimmen – inklusive der seiner sprechenden Katze Dukakis – in seinem Kopf teilhaben lässt", erläutert Wisser. Sehnsucht nach dem Leben und zugleich nach dem Tod liefern sich einen mächtigen Kampf in ihm. Zwei Suizidversuche scheitern slapstickhaft, so dass Herr Turin schließlich eine Person seines Vertrauens sucht, die ihn zum begleiteten Freitod in die Schweiz fährt. Zur Wahl seines Themas sagt Wisser: „In meinem familiären Umfeld wollte auch jemand in die Schweiz fahren, um dort aus dem Leben scheiden zu dürfen. Ich habe miterlebt, was das mit einem Menschen macht." Eben diese inneren Konflikte habe er in seinem Roman gestalten wollen. „Wir brauchen eine offene Diskussion über Freitodbegleitung" Als Plädoyer für den begleiteten Freitod will Wisser seinen Roman nicht verstanden wissen, sagt aber: „Wir brauchen eine offene Diskussion über das Thema, denn anders als in der Schweiz ist die Freitodbegleitung in Deutschland und Österreich ja verboten. Doch wer keine andere Hoffnung mehr sieht, dem sollte die Möglichkeit zum begleiteten Freitod nicht verweigert werden." Es sind in der Tat schwere Themen, die der Autor in seinem Buch anpackt. Dennoch ist „Königin der Berge" (als solche bezeichnet Turin seine Krankheit selbst) kein todtrauriges Buch. „Genau ein solches wollte ich auch nicht schreiben, ich wollte stattdessen zeigen, dass es im Alltagsleben eines chronisch kranken Menschen all die Facetten gibt, die auch wir vermeintlich Gesunde erleben." Dazu gehört eben auch das Heitere, das Skurrile und das Absurde unserer menschlichen Existenz inklusive unserer Sexualität. Deshalb habe sein Held natürlich – wie wir alle – auch sexuelle Bedürfnisse, „denn mit der Potenz verschwindet ja die Libido nicht". „Ich lasse meine Figuren sein wie sie sind" Und noch etwas sei ihm wichtig gewesen, sagt Wisser: „Ich wollte über keine meiner Figuren moralisch urteilen." Er lasse sie sein wie sie sind – mit ihren Schwächen und Stärken auf Seiten der Kranken als auch auf Seiten der Pflegenden und der Angehörigen. All das macht dieses Buch in der Tat überraschend anders. Es verhandelt die großen existenziellen Fragen des Lebens, dessen Schattenseiten und dessen Schönheit, das selbstbestimmte Leben und Sterben mit viel Witz einerseits und einer großen Eindringlichkeit andererseits. Genau aus diesem Grund hat Daniel Wissers Buch den österreichischen Buchpreis verdient. Am 5. November wissen wir mehr.

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