Meditativ: Helene Wolf zeigt in der Bürgerwache in Bielefeld eine Installation zum Thema Selbstoptimierung. Matten und Kissen fand sie im Bewegungsraum vor. Fotos: RALF Bittner - © Ralf Bittner
Meditativ: Helene Wolf zeigt in der Bürgerwache in Bielefeld eine Installation zum Thema Selbstoptimierung. Matten und Kissen fand sie im Bewegungsraum vor. Fotos: RALF Bittner | © Ralf Bittner

Kultur Wohnzimmer, Bühne, Werkstatt

Offene Ateliers: 62 Bielefelder Ateliers öffneten ihre Türen. Die Besucher stießen auf Ausstellungen, Depots, Werkstätten und heimelige Kreativräume

Ralf Bittner

Ralf Bittner„Ein Atelier ist mehr als eine Werkstatt, es ist auch eine Art Bühne“, sagt Uwe Scherer, als er sein Atelier, eine alte Fleischerei an der Mühlenstraße, zeigt. Sitz- und Küchenecke gehören ebenso dazu wie die Bilder von abgeschlossenen oder aktuellen Werkgruppen an Wänden oder auf Staffeleien. Im vergangenen Jahr zeigte er Bilder zum Thema Flucht, aktuell beschäftige er sich mit Straßenszenen und Köpfen. Scherers Atelier ist eines von 62 Ateliers, die am Samstag und Sonntag für Besucher geöffnet waren, eine Rekordbeteiligung. „Ganz authentisch sind die Ateliers natürlich nicht“, sagt Scherer, „denn alle Beteiligten räumen vorher ein wenig auf.“ Er muss es wissen, war er doch zehn Jahre Vorsitzender des ausrichtenden Vereins. Geometrische Flächen mit Licht bemalt Aufgeräumt ist es auch bei Herbert Pörtner. Er zeigt in seinem Atelier, einer alten Fabrik, „Lichtkunst“ und „kinetische“ Lichtobjekte. Der frühere Kunst- und Techniklehrer „bemalt“ mit Licht weiße, meist geometrische Flächen. Dabei verändern sich die Farben und mischen sich nach dem Prinzip der additiven Farbmischung. Dadurch und durch die zusätzliche, fast unmerkliche Bewegung der angestrahlten Elemente entstehen Bilder, die eine fast meditative Ruhe ausstrahlen. Pörtners Atelier ist am Samstagabend weit über die Regelöffnungszeit bis 19 Uhr geöffnet. „Meine Kunst wirkt im Dunkeln stärker und zog bei den Nachtansichten viele Besucher an“, sagt er. Der Samstag beginnt bei ihm aber eher ruhig, vielleicht liegt es an der teilweise gesperrten Wertherstraße, der wegen des Oetkerhallen-Festes geänderten Verkehrsführung, an den vielen Konkurrenzveranstaltungen in der Stadt oder schlicht daran, dass es abseits der Hotspots gelegene Ateliers immer etwas schwerer haben, Publikum zu finden. Gerade Künstler aus den Randgebieten der Stadt nutzen daher gern das Angebot, ihre Kunst in externen Räumen wie der Bürgerwache zu zeigen. Luise Krolzik zeigt hier Malerei und Fotodokumentationen von Rauminstallationen. Sie bereitet gerade den Umzug ihres Ateliers an den Klosterplatz vor und kann daher ihr Atelier nicht öffnen. Aus Erfahrung weiß sie aber, dass es in der Bürgerwache immer viele Besucher gibt, weil dort mehrere Künstler ausstellen. In diesem Jahr zeigen noch Rotraut Richter, Doris Häußler und Helene Wolf ihre Arbeiten. Wolf zeigt Collagen und Rauminstallationen. Ihre Themen sind die von der Werbung formulierten Optimierungsansprüche an das Individuum, die zu einer dauernden Arbeit am Ich führen. Selbst Meditation und Entspannung werden diesem Zweck untergeordnet. Wie passend, dass ihr ausgerechnet der Bewegungsraum samt Yogamatten und -kissen für ihre eigens konzipierte Rauminstallation zur Verfügung gestellt wird. Außerdem zeigt sie Teile einer Arbeit, die in Kürze als Teil der „Intervention 8“ in der Galerie GUM zu sehen sein wird. Neben „privaten“ Ateliers, dem Art Center mit seinen vielen Ateliers unter einem Dach, gibt es dann noch Gemeinschaftsateliers. So nutzt Porträtmalerin und Bühnenbildnerin Suzanne Austin Raum in einer Halle an der Eckendorfer Straße. Neben den Porträts, an denen sie hier arbeitet, sind auch Modelle von Theaterräumen zu sehen, die sie für die Entwicklung ihrer Bühnenbilder nutzt. Austausch zwischen den Künstler-Kojen Da nicht alle Mitnutzer Teil der Offenen Ateliers sind, hat sie sich mit Textilkünstlerin Frauke Lara Düll einen Gast eingeladen. „Die einzelnen Kojen in der Halle sind offen, damit ein Austausch zustande kommt“, sagt Austin. Auch in Gisela Wäschles Ateliers arbeiten mit Doro Köster, Claudia Niederhaus und Michael Helmer drei weitere Künstler. Helmer setzt sich in Zeichnungen und Malerei mit sich und dem Selbstbild auseinander, Köster zeigt Strukturbilder. Wichtig sind ihr aber auch ihre Skizzen- oder Kunsttagebücher. Blättern lohnt. Auch Susanne Walter arbeitet in einem Gemeinschaftsatelier im Block 1, Meisenstraße. Sie zeigt einen Querschnitt ihrer Arbeiten rund um die Themen Wald und Holz. Grafik, Objekte, Video, alle Ergebnis einer langjährigen Beschäftigung mit dem Thema, mal poetisch mal nüchtern mit dem Material arbeitend. Auch hier draußen, weit im Osten, bleibt es am Samstag ruhiger als in den Vorjahren. „Das ist schade“, sagt sie und hofft auf den Sonntag.

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