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„Geniale Göttin“: Die Schauspielerin Hedy Lamarr erfand 1942 ein Fernsteuerungssystem für Torpedos. Eine neue Dokumentation, die am 16. August in die Kinos kommt, stützt sich auf ein verschollenes Interview mit dem Hollywoodstar

Anke Groenewold

Bielefeld. 1933 löste die 19-jährige Wienerin Hedwig Kiesler in dem Film „Ekstase“ mit Nacktszenen und einem angedeuteten Orgasmus einen Skandal aus, der sogar den Papst beschäftigte. 1937 floh die Tochter eines Bankiers und einer Pianistin unter abenteuerlichen Umständen vor ihrem sie krankhaft kontrollierenden Ehemann. Ihr Ziel: Hollywood. Unter dem Namen Hedy Lamarr wurde sie zum Star. Sie galt als „schönste Frau der Welt“ und wurde zur vielkopierten Stilikone. Mit dem Kassenschlager „Samson und Delilah“ war sie 1949 auf dem Gipfel ihrer Karriere angelangt. Die Hauptrolle in „Casablanca“ lehnte sie ab. 1954 produzierte sie selbst einen Film, was zu der Zeit unerhört war. Er floppte und ruinierte sie finanziell. Auch ihr Privatleben war turbulent, keine ihrer sechs Ehen hielt lange. Zu einem Scheidungstermin schickte sie ihr Körper-Double ins Gericht, um bei ihrem verunglückten Sohn bleiben zu können. Auch ein Kaufhaus-Diebstahl brachte sie in die Schlagzeilen. Lamarr war wie viele andere Stars im Studiosystem Hollywood abhängig von Aufputschmitteln: 20 Jahre lang war sie Patientin des berühmten Dr. Feelgood, der ihr „Wundercocktails“ mit süchtig machenden Drogen verabreichte. Zu den vielen prominenten Kunden des Arztes, der Max Jacobson hieß und 1936 aus Berlin geflohen war, gehörten auch John F. Kennedy, Marilyn Monroe und Liza Minnelli. Zuletzt lebte sie verarmt in einer Einzimmerwohnung Bereits in ihren 40ern, auch darin war Lamarr Pionierin, unterzog sie sich Schönheitsoperationen. Immer und immer wieder. Sie wurde verspottet, von der Presse grausam behandelt und zog sich zurück. In den 60er Jahren geriet sie in Vergessenheit. Zuletzt lebte sie verarmt in einer Einzimmerwohnung in Florida und kommunizierte auch mit Freunden und ihren drei Kindern am liebsten per Telefon. Sie starb im Jahr 2000. 1990 interviewte der Journalist Fleming Meeks die damals 76-jährige. Er veröffentlichte seinen Artikel im Forbes-Magazin und machte publik, was damals nur wenige wussten: Lamarr hatte während des Zweiten Weltkriegs gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil ein störungssicheres Fernsteuerungssystem für Torpedos entwickelt und ein Patent angemeldet. Die österreichische Jüdin leistete so ihren ganz persönlichen Beitrag zum Kampf gegen die Nazis. Interessant ist, dass ihr erster Ehemann, den sie mit 19 Jahren geheiratet hatte, ein Waffenfabrikant namens Fritz Mandl war, der auch Hitler-Deutschland belieferte. Die US-Marine war nicht an der Erfindung interessiert und riet Hedy Lamarr, lieber auf Tournee zu gehen und Kriegsanleihen gegen Küsse zu verkaufen. Was sie auch sehr erfolgreich tat. In der Kubakrise wurde ihre Erfindung aufgegriffen, das Patent war abgelaufen. Lamarr wusste nicht, dass sie hätte klagen können. Geld haben weder sie noch Antheil für die Erfindung des Frequenzsprungverfahrens erhalten, das heute Grundlage kabelloser Kommunikation wie Wi-Fi oder Bluetooth ist. Lamarrs eigene Worte sind das Herzstück des Films Hedy Lamarr wurde schon mehrfach filmisch porträtiert. Georg Misch erzählte ihre Lebensgeschichte 2004 in „Calling Hedy Lamarr“. 2006 drehten die Dubini-Brüder und Barbara Obermaier „Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star“. Jetzt beleuchtet die Filmemacherin Alexandra Dean den Lebensweg Lamarrs erneut: „Geniale Göttin“ kommt am 16. August in die Kinos. Die Regisseurin war bei ihrer Suche nach weiblichen Vorbildern in Wissenschaft und Technologie auf die Österreicherin gestoßen. Zu Familienangehörigen und Freunden, die Auskunft geben, gesellen sich in der Dokumentation auch Prominente wie Mel Brooks, Peter Bogdanovich und die deutsche Schauspielerin Diane Kruger, die aus Briefen Lamarrs liest. Die Regisseurin hatte bereits ein halbes Jahr am Film gearbeitet, als ihr ein Schatz in die Hände fiel, der ihre Dokumentation „Geniale Göttin“ zum Coup macht: Sie fand die Stimme von Hedy Lamarr. Denn der Journalist Fleming Meeks hatte sein Interview 1990 mitgeschnitten. Da es nur sehr wenige Interview-Originaltöne von Lamarr gibt, sind seine vier Kassetten kostbar. Lamarrs Leben in ihren eigenen Worten, mit österreichischem Zungenschlag, sind das Herzstück des Films. Hedwigs Faszination für Technik begann schon früh. Mit fünf baute sie eine Spieluhr auseinander – und wieder zusammen. Die Uhr muss ihr viel bedeutet haben, denn sie nahm sie mit nach Amerika. Ihr Sohn Anthony Loder hält sie in die Kamera. Chemie sei in der Schule ihr Lieblingsfach gewesen, erklärt Lamarr. Sie erzählte dem Journalisten auch, dass sie dem Flugzeugpionier Howard Hughes, mit dem sie eine Affäre hatte, vorschlug, die Form der Flügel zu verändern, um die Flugzeuge zu beschleunigen. Dabei habe sie die Flossen des schnellsten Fisches und die Flügel des schnellsten Vogels kombiniert. Zudem habe sie Coca-Cola in Würfelform entwickelt. Daraus sei leider nichts geworden, weil sie die schwankende Wasserqualität außer Acht gelassen habe. Der Tenor des Films ist, dass die Schönheit, auf die Hedy Lamarr reduziert wurde, eine Karriere als Wissenschaftlerin und Erfinderin verhindert hat. Aber der Film zeigt eben auch, dass die Sache viel komplizierter ist, weil Hedy Lamarr eine komplexe, widersprüchliche Persönlichkeit war: „Sie war eine Frau der Extreme“, sagt ihr Sohn Anthony Loder. Eine Frau, die auch nach diesem sehenswerten Film ein Stück weit unergründlich bleibt.

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