Innerlich zerrissen: Pfarrersohn Jakob Lenz (Evgueniy Alexiev, l.) mit dem Philosophen Christoph Kaufmann (Lorin Wey). Foto: Bettina Stoess - © Bettina Stoess
Innerlich zerrissen: Pfarrersohn Jakob Lenz (Evgueniy Alexiev, l.) mit dem Philosophen Christoph Kaufmann (Lorin Wey). Foto: Bettina Stoess | © Bettina Stoess

Kultur Wahnsinn auf der Bühne

Premiere: Im Theater Bielefeld zeigt Regisseurin Nadja Loschky mit Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ eindrucksvoll, wie Umnachtung immer schwärzer wird. Das Publikum spendet Schlussapplaus im Stehen

Thomas Dohna

Bielefeld. Gleich die erste Szene gibt einen Vorgeschmack auf das, was kommt. Jakob Lenz flüstert in verschiedenen Sprachen, leise und unverständlich. Ganz offensichtlich ist Lenz dem Wahnsinn nahe. Das Theater Bielefeld hat sich Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ nach einer Vorlage Georg Büchners vorgenommen und in einer gefeierten Premiere umgesetzt. Die Handlung: Jakob Lenz, ein Dichter des Sturm und Drangs aus dem Baltikum, ist bei dem elsässischen Pfarrer und Sozialreformer Johann Friedrich Oberlin zu Gast. Er soll sich dort auf Empfehlung des Philosophen Christoph Kaufmann von seiner beginnenden Schizophrenie erholen. Doch das überfordert Oberlin. Lenz‘ Vater, ein Pfarrer, wünscht, dass der Sohn nach Haus kommt, was den noch tiefer in den Wahnsinn treibt. Dann spielt noch die unerfüllte Liebe zu Wolfgang von Goethes ehemaliger Geliebten Friederike eine Rolle. Für den, der, sagen wir, ein distanziertes Verhältnis zur sogenannten Neuen Musik hat, wirken die ersten Takte wie ein „Ach ja, das kennt man“: Streicher spielen Klangballungen dicht am Steg und/oder mit dem Holz. Das geht schnell vorbei. Rihm schlägt dann eine andere, sehr viel emotionalere Richtung ein. Alexiev hat in der Titelrolle enorme Präsenz Die Oper ist natürlich kein Nummernstück. Sie erinnert klanglich entfernt an den „Wozzeck“ von Alban Berg und in der Struktur ist sie Richard Wagners durchkomponierten Opern gar nicht so fern. Rihms Musik stützt, kommentiert und intensiviert das Geschehen auf der Bühne. Rihm baut Erinnerungen ein, mal scheint ein Volkslied zu klingen, mal ein Choral, dann wieder ist die innere Zerrissenheit Jakob Lenz‘ zu hören – ohne den Eindruck zu erwecken, das Ganze schon einmal irgendwo so oder so ähnlich gehört zu haben. Irgendwann verschmilzt diese Musik mit der Inszenierung von Nadja Loschky so sehr, dass am Ende völlig unerheblich ist, in welcher akademischen Schublade sie sich einordnen lassen könnte. Loschky war in der vergangenen Saison mit ihrer Regie der Oper „Death in Venice“ von Benjamin Britten durch ihre sehr überlegte Raumaufteilung, Personenregie und Inszenierung sehr positiv aufgefallen. In der Musik Rihms äußern sich Stimmen. Zuvörderst Jakob Lenz, gesungen von Evgueniy Alexiev. Schade, dass die Premiere nicht ausverkauft war Er bewegt sich in einem Bühnenbild von Ulrich Leitner, in dem Menschen und technisch gesehen, die Drehbühne, die wichtigsten Elemente sind. Mit der Drehbühne werden um einen durchbrochenen Zylinder herum lebende Bilder in die Szenen gefahren. Sie erinnern an die Personengruppen in der antiken Kunst. Ein Stilmittel, dass Regisseurin Loschky offenbar dem ausgehenden 18. Jahrhundert mit seiner Antikensehnsucht entlehnt hat. Auf diese Zeit verweisen auch die klug und klar gezeichneten und eingesetzten Kostüme (Irina Spreckelmeyer). Die Personengruppen wirken wie der Chor in antiken Tragödien. Sie kommentieren im Chorgesang (Christin Enke-Mollnar, Franziska Hösli, Orsolya Ercsényi, Sofio Maskharashvili, Yun Geun Choi und Enrico Wenzel) und in der Darstellung das Geschehen, ohne am tragischen Verlauf etwas ändern zu können. Lenz sieht sich dabei als Kind (Cornelius Schäfer) und als jungen Mann (Gieorgij Puchalski), Friederike (Irene Schmidt) erscheint ihm immer wieder. Durch die Bilder bewegt sich Alexiev mit einer enormen schauspielerischen Präsenz. Was ist er hier, ein Sänger, der überragend schauspielt, oder ein Schauspieler, der die 80-minütige Partie auch leicht angeschlagen mit eindrucksvoller stimmlicher Gestaltungsfähigkeit ausfüllt? Den Oberlin singt Moon Soo Park, der an Alexievs Präsenz nicht heranreicht, mit seinem eindrucksvollen Bass aber überzeugt. Ganz ähnlich bei Tenor Lorin Wey, der den Kaufmann singt. Gregor Rot, erster Kapellmeister des Theaters, führt überlegen und souverän Solisten, Chor und das elfköpfige Orchester durch die Musik Wolfgang Rihms. Schade, dass die Premiere nicht ausverkauft war. Die, die nicht da waren, haben etwas verpasst. ´ Die nächsten Aufführungen von Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ sind am 14., 22. und 24. Juni sowie am 3. und 7. Juli am Theater Bielefeld. Karten sind erhältlich unter Tel. 05 21/55 54 44.

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