Nicht ohne meine Crew: Regisseur Jan-Niklas Kliewer (vierter von rechts) freute sich mit seinem Team von der Lemgoer Filmhochschule OWL über den dritten Platz der Jury-Wertung. Moderatorin Marina Böddeker (Mitte) freute sich mit. - © Foto: Antje Dossmann
Nicht ohne meine Crew: Regisseur Jan-Niklas Kliewer (vierter von rechts) freute sich mit seinem Team von der Lemgoer Filmhochschule OWL über den dritten Platz der Jury-Wertung. Moderatorin Marina Böddeker (Mitte) freute sich mit. | © Foto: Antje Dossmann

Kultur Lange Nacht der kurzen Filme

Bielefelder Bilderbeben 2017: Die Filmhaus-Jury vergab die Preise des diesjährigen Kurzfilm-Wettbewerbs, und das Publikum kürte im Theaterlabor am Tor 6 aus 41 Beiträgen einen eigenen Sieger

Antje Doßmann

„Rausch“ hieß das Thema des 28. Kurzfilmwettbewerbs, den das Filmhaus Bielefeld in diesem Jahr zum ersten Mal international über ein Online-Portal ausgeschrieben hatte. Eine Entscheidung, mit der die Betreiber der an sich eher regional ausgerichteten Institution ihre Bereitschaft zur zeitgemäßen medialen Öffnung signalisieren wollten, wie Jochen Knopp vom Filmhaus Bielefeld im Vorfeld berichtete. Das hatte zur Folge, dass 1.400 Beiträge im maximal 5-Minuten-Format eingereicht worden waren. Die meisten davon aus den USA, gefolgt bemerkenswerterweise vom Iran. Eine Filmflut, die sie an den Rande der Kapazität gebracht hätte, räumte Kopp ein. Zumal bei weitem nicht alle Einreichungen überhaupt etwas mit dem Thema „Rausch“ zu tun gehabt hätten. Das war nicht die einzige Crux, die mit dieser Reform des Kurzfim-Wettbewerbs einherging, wie die Veranstaltung später zeigen sollte.Das war im Grunde kein Fair-Play Zwar kam das zahlreiche Publikum anders als in den Vorjahren in den Genuss von zum Teil aufsehenerregenden, unter anderem aufwendig animierten Kurzfilmen aus dem filmakademischen Milieu, die sich abstrakt oder konkret, episch, assoziativ, dramatisch, ironisch mit entgrenzten Gefühlen auseinandergesetzt hatten. Jury-Mitglied Eva Kukuk brachte in ihrer Laudatio auf den erstplatzierten Film „Circle“ jedoch zur Sprache, dass sie bei ihrer Entscheidung für diesen Beitrag bewusst andere Filme außer Acht gelassen hätten, denen sie aufgrund ihrer technischen Hochklassigkeit große Chancen in anderen Wettbewerben zugetraut hätten. Das war im Grunde kein Fair-Play und zwingt das Filmhaus Bielefeld, die Modalitäten des Wettbewerbs erneut zu überdenken. Ein Prozess, der bereits im Gang wäre, wie Jürgen Kopp versicherte. Der im vertikalen Handy-Format gedrehte Kurzfilm „Circle“ von Kai Stänicke, der dem jungen Berliner Regisseur eine Siegprämie von 750 Euro und die Bronzefigur „Der kleine Plumpe“ bescherte, kam wie die meisten Beiträge des Wettbewerbs ohne Worte aus, vertraute ganz auf die Aussagekraft der Bilder. Es ging um eine Frau, die buchstäblich ihr Herz an einen anderen Menschen verloren hatte und darum, welch grausames Spiel dieser daraufhin mit ihr treibt. Der Rausch in seiner gefährlichen, negativen Ausprägung konnte als generelles Merkmal vieler Beiträge ausgemacht werden. In keinem Film wohl so radikal wie im zweitplatzierten „Snappped“ von Philipp Connolly, der in messerscharf geschnittenen, atemlos aufeinanderfolgenden Sequenzen den albtraumhaften Gewaltexzess zwischen einem Mann und einer Frau dokumentierte. Eine schockierende filmische Bildergeschichte und ernste Hommage an das Horrorgenre. Der Blutrausch als verschwimmende Grenze zwischen Realität und Wahnsinn. Schwer auszuhalten und sehr stark. Vergleichsweise harmlos, humorvoll und zudem die „schönsten Einhorn-Puschen der Welt“ in Szene setzend, wie Alina Meinold in ihrer Laudatio betonte, der dritte prämierte Beitrag, „Schlaflos“ von Oliver Teurich. Im Zentrum eine nächtliche Mückenjagd mit winzigem Seitenhieb auf Donald Trump. Rarität in einem Wettbewerb, der sich ansonsten auffällig zurückhielt mit politischen Statements. Der OWL-Filmförderpreis ging an Jan-Niklas Kliewer, der gleich mit zwei poetischen, klug betexteten Filmen vertreten war, „Cloesed Eyes. Open Mind“ und „Ballonce“. Er und seine siebenköpfige Crew von der Film Hochschule OWL in Lemgo freuten sich sichtlich über die Auszeichnung. Den Publikumspreis errang mit deutlicher Mehrheit der großartige Kurzfilm „Pipe Dream“ von Normann Bjorvand, dem es mit einer großen Prise schwarzem Humor gelang, den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn auf gleichsam groteske wie bewegende Art filmisch in Szene zu setzen.

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