Kultur König aus der Kiste: "Macbeth" in Bielefeld

Balázs Kovaliks Inszenierung der Verdi-Oper porträtiert  Hass und Gier

Bielefeld. Als Guiseppe Verdi seine Oper „Macbeth" im März 1847 in Florenz uraufführte, ging er ein Wagnis ein. Nicht dass er die vorherrschende Belcanto-Tradition radikal in Frage gestellt hätte, aber er kratzte an ihrer Vorherrschaft. Aufgrund der düsteren, an Shakespeare angelehnten Handlung, hielt er es für erforderlich, die stimmliche Kunst um die Dimension der (angedeuteten) Hässlichkeit zu erweitern, was durchaus angemessen erscheint, denn der Hass auf sich selbst und auf andere ist das alles verschlingende Hauptthema. Eine klassische Liebesgeschichte fehlt gänzlich, was viele Opernkritiker damals verunsicherte. Die tiefgreifendste Änderung gegenüber Shakespears „Macbeth" (1602): Shakespeares drei Hexen multipliziert Verdi zu einem Walpurgisnacht-Chor. Die Rolle von Lady Macbeth ist deutlich aufgewertet. Die Verdi’schen Steilvorlagen hat Balázs Kovalik treffsicher verwandelt. In seiner Bielefelder Inszenierung, die letzten Freitag im Stadttheater Premiere hatte, waren die Hauptprotagonisten: Der großartig agierende Chor (Einstudierung: Hagen Enke) und die Lady, atemberaubend dargestellt von Soojin Moon-Sebastian, auf den Bühnen der Welt zu Hause und ein gern gesehener Gast in Bielefeld. Es war ein Abend, der ein nachdenklich begeistertes Publikum zurückließ. Mit dem Bühnenbild (Hermann Feuchter in kongenialer Kooperation mit Chefbeleuchter Ralf Scholz) verband sich ein vielsagendes Konzept, das in seiner lapidaren Schlichtheit verblüffte. Die Diagonale bestimmte die Bühne, deren Struktur doch eigentlich der stabile rechte Winkel definiert. Eine optische Infragestellung vorgegebener Fakten. Schräg zog sich eine Wand über die Bühne, von vorne links nach hinten rechts. Es handelte sich, obwohl in betonmäßigem Grauton gehalten, keineswegs um ein mauerähnliches Gebilde, es war eine Wand aus etlichen „Apothekerschränken", die wahlweise heraus- und hereingeschoben werden konnten. Die verschiedenen Schubladen beherbergten verschiedene Bühnenbilder, die sich zeigten und wieder verschwanden, je nachdem; und sie standen, zwar im rechten Winkel zum „Apothekenschrank", schräg zum Publikum. Als Lady Macbeth ihr Festbankett aus Anlass der Krönung ihres Gatten gab, ergab sich durch das Herausfahren gleich dreier Schubladen ein durchbrochenes Bild und eine diagonale Zimmerflucht, das die durch die Paranoia des frischgebackenen Königs getrübte Feiertagslaune von Anfang an vorwegnahm und sich als Gleichnis auf Verdis emotional doppelbödige Musik erwies. Soojin Moon-Sebastian war der überragende Star des Abends. Schauspielerisch von großer Eleganz, stimmlich von überwältigender Präsenz, markerschütternden Spitzentönen, zerbrechliche Klänge, die auf dem schmalen Grat zwischen Ton und Stille balancierten; harsche tiefe Lage, all den Hass verkörpernd; sie brachte einfach alles mit, um diese „Evita Peron des schottischen Hochlandes" zur beklemmenden Bühnenrealität zu verhelfen. Evgueniy Alexiev, Operntalerträger 2014, gab einen zaudernden, dünnhäutigen Macbeth mit warm-edlem Bariton, der, trotz aller Missetaten und psychischen Verwerfungen, das Zeug zum Sympathieträger hatte. Moon Soo Park als Banco, Macbeths Feldherr, der seinem Chef zur Herrschaftssicherung zum Opfer fiel, aber das Glück hatte, als Quälgeist auf die Bühne zurück zu kehren, gefiel als sensibler Protagonist, dem eine gewisse, einem Feldherrn durchaus angemessene Großspurigkeit gut zu Gesicht gestand. Dem immer etwas abseits stehenden Macduff, der schließlich Macbeth töten sollte, verlieh Daniel Pataky stille Größe. Der Chor agiert in Unterwäsche Als gegen Ende vaterländisches Pathos sich einstellte, war klar, dass Verdi Shakespeares Königsdrama in den Dienst des italienischen Risorgimento, der Bewegung für einen einheitlichen italienischen Staat gestellt hatte. Hat Balázs Kovalik diesen Verdi’schen Aktualisierungskurs fortgeschrieben? Als der in Unterwäsche agierende, vorzüglich einstudierte Chor der Unterdrückten von den schlussendlichen Siegern in Goldfolien gekleidet wurde, mutierte der zu Weihnachtsengeln. Oder war es doch eine Anspielung auf die „Boatpeople", die von ihren Seenotrettern in wärmeisolierendes Material gepackt werden? Das blieb vage und etwas orientierungslos. Die Philharmoniker waren auf der Höhe ihrer Aufgaben, liefen nach der Pause zu noch größerer Form auf und trugen unter dem animierend souveränen Alexander Kalajdzic großen Anteil an der gelungenen Premiere.

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