Kenner der osteuropäischen Geschichte: Karl Schlögel bringt seinen Lesern in Städteportraits die Vielschichtigkeit der Ukraine nahe.  - © dpa
Kenner der osteuropäischen Geschichte: Karl Schlögel bringt seinen Lesern in Städteportraits die Vielschichtigkeit der Ukraine nahe.  | © dpa

Kultur Osteuropa-Historiker über den Krieg in der Ukraine, Putins Strategie und das Versagen des Westens

Karl Schlögel sagt im Interview: „Putin betreibt ein Hochrisikospiel“

Stefan Brams

Bielefeld. Der Historiker und Osteuropa-Experte Karl Schlögel nimmt in seinem neuen Buch „Entscheidung in Kiew“ Abschied von „seinem“ Russland, in das er sich seit ersten Klassenfahrten in den 50er Jahren begeistert eingefühlt hatte. Die Annektion der Krim habe ihn völlig überrascht, räumt er im Gespräch mit Stefan Brams ein. Herr Schlögel, Ihr Buch ist mit „Ukrainische Lektionen“ untertitelt. Welche Lektionen sollten wir lernen? Karl Schlögel: Bis zur russischen Aggression ist die Ukraine als eigenes Land von uns – auch von uns Osteuropahistorikern übrigens – kaum wahrgenommen worden. Ich verstehe den Untertitel meines Buches als Aufforderung an die Leser, sich selbst ein Bild zu machen von der Ukraine, von einem Land das lange Jahre nur eine Provinz des Russischen Reiches und später der Sowjetunion war. Dabei hat es eine reiche eigene Geschichte. Sie haben Ihrem Buch einen sehr persönlichen Essay vorangestellt, der sich wie eine Desillusionierung eines Osteuropa-Historikers liest, der von den Entwicklungen in der Ukraine und dem russischen Vorgehen überrascht wurde. Schlögel: Für mich war es bisher ein großes Wunder, dass das sowjetische Imperium ohne Katastrophe untergegangen war. Ich hatte das der großen Improvisationsfähigkeit Russlands zugeschrieben, die das Land immer wieder in die Lage versetzt, auch mit eigentlich unbeherrschbaren Situationen umzugehen. Daraus resultierte meine Zuversicht, dass es zu keinen größeren Zusammenstößen mehr kommen werde in Osteuropa. In meinem Essay räume ich nun ein, wie sehr ich mich getäuscht habe, und wie sehr ich vom Krieg Russlands gegen die Ukraine und der Annexion der Krim überrascht wurde. Wie erklären Sie sich Putins Aggression gegen die Ukraine? Schlögel: Sie wurde von einem sehr kleinen Führungskreis ersonnen, der sie an allen anderen Institutionen des Landes vorbei, vorbereitet hat. Putin agiert dabei wie ein Spieler, der bereit ist, ein sehr hohes Risiko einzugehen. Motiviert ist seine Aggression vor allem innenpolitisch. Sie ist vor allem eine Ersatzhandlung, um davon abzulenken, dass er es nicht geschafft hat, die längst überfällige Modernisierung Russlands voranzubringen. Sie glauben also, dass Putin ein Hochrisikospiel betreibt, obwohl er damit Lunte an die Welt legt? Schlögel: Putin betreibt eine Politik der Eskalationsdominanz, er gibt den Takt vor, wissend, dass die Gegenseite nicht bereit ist, dasselbe Risiko einzugehen und mit Waffen auf Waffen zu antworten. Dies Schwäche des Westens nutzt er gnadenlos aus. Darauf baut seine Politik auf. Das sehen wir ja jetzt auch wieder in Syrien. Putin lässt bomben und treibt den Westen wieder vor sich her. Welche Antwort würden Sie denn auf Putins Politik geben? Schlögel: Ich habe auch keine Lösung parat, aber eines weiß ich sicher: Was in den Abkommen von Minsk vereinbart wurde, muss vom Westen her endlich durchgesetzt werden. Die Ukraine muss wieder die volle Kontrolle über ihre Grenzen zu Russland erhalten. So lange der Westen nicht öffentlich bei jeder Verhandlung darauf besteht, dass die Grenzverletzungen endlich beendet werden, kann man von einer Umsetzung der Abkommen von Minsk nicht wirklich sprechen. Würden Sie soweit gehen, zu fordern, dass der Westen militärisch eingreifen sollte? Schlögel: Ich glaube die Ukraine ist selbst in der Lage, sich zu verteidigen. Sie schreiben in Ihren Buch, die Ukraine sei ein Europa im Kleinen. Heißt das im Umkehrschluss, dass ein Angriff Russlands auf die Ukraine ein Angriff auf Europa ist? Schlögel: Ich möchte zeigen, dass die Ukraine ein Grenzland ist, indem sich mitteleuropäische und russische Traditionen sowie ganz viele Ost-West-Geschichten begegnen. Mit dieser Tradition hätte es zu einem Übergangsland, einer Brücke zwischen Ost und West werden können. Diese Perspektive ist durch den Krieg erst einmal genommen worden. Sie haben keine Geschichte der Ukraine geschrieben, sondern entwerfen ukrainische Städteporträts. Warum dieser Ansatz? Schlögel: Ich bin ja kein Ukraine-Historiker, daher habe ich versucht, eine mikrologische Geschichtsschreibung zu betreiben und den Lesern über die Städte die Vielschichtigkeit und Kompliziertheit der Ukraine näher zu bringen. Würden Sie derzeit dazu raten, in die Ukraine zu reisen? Schlögel: Unbedingt. Ich war selbst gerade erst wieder dort. Es ist erstaunlich wie das Land, das sich in einem unerklärten Krieg befindet, die Nerven behält. Und es ist ein sehr schönes Land, das schnell zu erreichen und für uns ohne Visum zu bereisen ist.

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