Bielefeld Bob Dylan unter der Hörlupe

Wie sich der Songschreiber und Sänger vom Folk-Star zum stilprägenden Rockkünstler wandelte

Bielefeld. Jeder kennt die Mona Lisa. Müsste man sich aber auch für ein Konvolut von Studien und halbfertigen Gemälden aus der Entstehungsphase dieser Kunstikone interessieren? Bilder, auf denen Leonardo da Vinci das mysteriöse Lächeln der Schönen erst noch sucht? Wo Mona Lisa frech grinst oder dem Künstler der Malpinsel verrutscht ist? Ähnlich verhält es sich – übertragen auf Popmusik – mit der gerade erschienenen zwölften Lieferung der verdienstvollen Bob-Dylan-„Bootleg Series“. „The Cutting Edge“, so der Titel der neuen Archivausgrabung, lädt in Produkt-Varianten von der 2-CD-„Best of“-Volksausgabe bis zur 6-CD- oder gar 18-CD-Luxus-Box dazu ein, tiefer in Bob Dylans wohl kreativste Werkphase einzutauchen. In den 14 Monaten von Januar 1965 bis Februar 1966 nahm der Sänger und Songschreiber in einem regelrechten Schaffensrausch drei epochale Alben auf: „Bringing It All back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde on Blonde“. Sie markieren den Wandel des damals 24-Jährigen vom Folksänger zum Rockkünstler und ihr Einfluss auf die Rock- und Popmusik ist kaum zu überschätzen. Nach dem enormen Verkaufserfolg der von 1967 datierenden kompletten „Basement Tapes“ im vergangenen Jahr geht Sony Music nun in der Dylan-Historie zwei Jahresschritte zurück und legt entschlossen nach. „Like a Rolling Stone“, der erste Song auf „Highway 61 Revisited“, erreicht im Sommer 1965 Platz zwei in den US-Charts. Als der Teenager Bruce Springsteen damals den Schlagzeugknall hört, mit dem der Song beginnt, kommt es ihm vor, „als hätte jemand die Tür zu deinem Hirn aufgestoßen“. Es ist die perfekte Fusion von Rockenergie und hipper Dylanscher Lyrik. Ein Triumph, der offenbar auch dem Zufall zu verdanken ist. Als Pop-Fan hat man „Like a Rolling Stone“ im Ohr. In der schockierenden Dreivierteltakt-Fassung, die auf „The Cutting Edge“ dokumentiert ist, hätte dieses Lied gewiss nicht die Rockwelt revolutioniert. Dylan tastet sich nicht Schritt für Schritt bis zum schließlich veröffentlichten Original vor. Das ist schon im vierten Anlauf auf Band. Der Sänger prescht ungeduldig weiter. Neun Versuche folgen. Glücklicherweise schaut er irgendwann mal zurück. Auch Al Koopers unaufdringliche Orgelbegleitung, die diesen Jahrhundertsong immens prägt, war Schicksal. Kooper, eigentlich Gitarrist und nur als Zuschauer im Studio, rutscht heimlich auf die unbesetzte Orgelbank, wie er amüsant im Booklet schildert. Wie wäre es ohne ihn ausgegangen? Die Begleitmusiker sind in dieser Phase enorm wichtig. Dylan ist aus seiner Folkzeit die Einzelkämpferrolle gewohnt. Als er 1965 für das Album „Bringing It All Back Home“ ins Studio geht, nimmt er zunächst alle Titel, auch die, die mit verstärkten Gitarren berühmt werden, wie früher solo und akustisch auf. Mit diesen Versionen beginnt „The Cutting Edge“. Sie machen den gehörigen Bruch in Dylans Schaffen deutlich, der seinen Erfolgsweg für etwas verlässt, von dem er vorerst nur ahnt, wie es klingen könnte. Dylan ist auf die Ideen seiner Mitstreiter angewiesen, ihre Flexibilität. „Das Schlagzeug macht mich wahnsinnig“, beklagt er sich nach einem Durchlauf für „Mr. Tambourine Man“. Auch der Bass hat oft Mühe mitzuhalten. Statt „Cutting Edge“ hätte der Titel auch gut „Bleeding Edge“ lauten können. Dylan schiebt Wörter, Songzeilen, ganze Strophen hin und her. Das Studio ist für ihn Experimentierfeld. Fürs „Highway 61 Revisited“-Album holt er teils andere Musiker an Bord, was sich hörbar positiv auswirkt. Ideal ist die Besetzung erst in Nashville bei den Aufnahmen zu „Blonde on Blonde“.Fan-Bibel mit allen Songs Für Dylan-Einsteiger ist die Bootleg-Serie generell wenig geeignet, auch wenn sich wieder bewegende Preziosen unter den Arbeitsproben befinden wie eine nur von Gitarre und Kontrabass begleitete Fassung von „Desolation Row“. Einige der Titel sind so oder ähnlich aus früheren Veröffentlichungen bekannt. Das Verdienst von „The Cutting Edge“ ist die schlüssige Zusammenstellung, die einen faszinierenden Blick hinter die Studiokulissen erlaubt. Vor allem auch bekommt man Lust auf ein Wiederhören der bahnbrechenden Originale. Wer danach mehr wissen möchte über Dylan und dessen von stilistischen Hakenschlägen geprägten Werdegang, dem sei der im Bielefelder Verlag Delius Klasing erschienene 700-Seiten-Band „Bob Dylan. Alle Songs“ empfohlen. Wie der Vorgänger „Beatles total“ ist es ein opulent bebildertes Buch der Bücher. Alles Wichtige aus der schier unübersehbaren Dylan-Literatur wurde verlässlich zusammengetragen. Album für Album, bis hin zu „Shadows in the Night“, stellen die beiden Autoren jeden Song, jeden Outtake vor, nennen die Besetzungen, beschreiben die Aufnahmeumstände, ordnen ein. Mit dieser Dylan-Bibel hört man mehr.

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