Carlos Manuel inszenierte Jean Genets "Die Zofen" am Theater Bielefeld mit effektvollem Splatter-Appeal. - © Philipp Ottendoerfer
Carlos Manuel inszenierte Jean Genets "Die Zofen" am Theater Bielefeld mit effektvollem Splatter-Appeal. | © Philipp Ottendoerfer

Kultur Zombie-"Zofen": Ein makaberes Fest der Sinne

Carlos Manuel inszenierte Jean Genets Stück in Bielefeld

Bielefeld. Zu der bemerkenswerten Genese Jean Genets zählt, dass er ein Deserteur und zu langer Haftstrafe verurteilter Dieb war, bevor sich einflussreiche Intellektuelle seiner Zeit wie Jean Paul Sartre für seine Freilassung einsetzten und er der Dramatiker von Weltrang werden konnte, als der er heute gilt.

Aus seiner Feder waren daher keine Stücke zu erwarten, an deren Ende ein menschlicher Zwiespalt in eine eindeutige Moral überführt und zufriedenstellend gelöst werden konnte. Stattdessen: äußerer Druck und innere Auflehnung, äußere Auflehnung und innerer Druck, ein ständiges Hin und Her der Gefühle, sich permanent verschiebende Machtverhältnisse, derbe Fantasien, der Vorhang am Ende geschlossen und alle Fragen offen. So ist es bis heute geblieben bei allen Theatermachern, die Genet ernst nehmen.

Information

Aufführungen



  • Vorstellungen von "Die Zofen" am 19., 20., 27., 28. November im Theater am Alten Markt
  • Kartentelefon: (0521) 55 54 44.

Carlos Manuels Bielefelder Bearbeitung der „Zofen“ (Dramaturgie: Katrin Enders) mit den drei im Wortsinn wahnsinnig gut agierenden Schauspielerinnen Christina Huckle, Nicole Lippold und Carmen Priego bildet da keine Ausnahme. Zum Glück.

Gute, kritische Unterhaltung

Man hätte dieser in alle verborgenen Winkel des menschlichen Herzens leuchtenden, anarchisch komischen und zugleich todtraurigen Farce mit einer sublimen Inszenierung nur den notwendigen Stachel gezogen. So konnte das von Carlos Manuel als zeitlose, wenn nicht gar besonders aktuelle Herrschaftsparabel erkannte Mordstück, das auf einem realen kriminalhistorischen Hintergrund basiert, in guter, kritisch anregender Weise unterhalten.

Dass die Zuschauer sich selbst auf der Bühne gespiegelt sahen, was nur einer der originellen Einfälle des verantwortlichen Bühnenbildners Jochen Schmitt war, trug sicherlich zum gelungenen Theatererleben bei. Es wurde mit entsprechendem Beifall quittiert.

Ebenso die schrillen Kostüme von Clemens Leander und die insgesamt schaurig schöne Ausstaffierung dieser drei schrecklichen, schrecklich menschlichen Frauen. Sie ließ Manuels Zombie-„Zofen“ zu einem makaberen Fest der Sinne werden. So viel Splatter war selten – aufgeklebte Wunden und skelettartig geschminkte Gesichter, Tüll in alptraumhafter Hülle und Fülle, und selbst die „Gladiolen und Reseden“ zum Ruhme der von den beiden unglücklichen Schwestern zu Tode geliebten Herrin waren längst zu dürren Zweigen vertrocknet und verstaubt.

Starke Formensprache

Es ist eine starke Formensprache, derer sich das Stück bei Carlos Manuel bedient, und die Frauen als noch immer nicht erlöste Untote auf der Bühne auftreten zu lassen, wäre eine durch und durch pessimistische Perspektive, würden sich Claire und Solange als Signal der Hoffnung am Ende nicht die Wunden und Totenmünder abwischen.

Es kommen keine Männer vor in dieser verstörenden Ménage à trois, die Genet ins Zentrum seiner lustvoll düsteren Abrechnung mit Abhängigkeiten stellt. Für die Herren im Publikum indes kein Grund zum entspannten Zurücklehnen.

Es machte das körperkraftzehrende, unglaublich intensive, grotesk verzerrte Spiel Christina Huckles, Nicole Lippolds und Carmen Priegos mehr als deutlich, dass sich hier Abgründe auftaten, die an kein Geschlecht gebunden waren. Willen, der sich von eigenem Willen löst und zur Mordtat schreitet. Der Domestik als Zombie. In der Kammer die Zofen. Und draußen die Welt.

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