Ein Traum zerplatzt wie Seifenblasen: Alberich (Heiko Trinsinger, v.l.) verflucht den Ring der Macht, den ihm Loge (Thomas Mohr) und Wotan (Renatus Mészár) abgeluchst haben. Im Hintergrund ist die Nordwestdeutsche Philharmonie zu sehen. - © Dorothée Rapp
Ein Traum zerplatzt wie Seifenblasen: Alberich (Heiko Trinsinger, v.l.) verflucht den Ring der Macht, den ihm Loge (Thomas Mohr) und Wotan (Renatus Mészár) abgeluchst haben. Im Hintergrund ist die Nordwestdeutsche Philharmonie zu sehen. | © Dorothée Rapp

Minden Umjubelte Premiere von Wagners „Rheingold“

Gerd Heinz inszeniert "Ring" am Mindener Theater

Anke Groenewold

Minden. Man muss sie einfach bewundern, diese Mindener Leidenschaft für das Werk Wagners. Dieses unbeirrbare, furchtlose „Wir machen das“, auch wenn das schöne, aber kleine Mindener Theater nicht ideal ist – muss die Nordwestdeutsche Philharmonie doch auf der Bühne Platz nehmen. Was dann noch als Spielfläche übrig bleibt, nennt Regisseur Gerd Heinz selbst ein „Nudelbrett“ mit einem „Wohnzimmer“ davor. „Eigentlich ein Horror für jeden Regisseur“, räumt er im Programmheft ein. Dennoch ist Heinz dem Lockruf von Jutta Hering-Winckler, Vorsitzende des örtlichen Wagner-Verbandes und Motor des Mindener Wagner-Traums, gefolgt, um sich der Herausforderung zu stellen. Im „Wohnzimmer“ inszeniert er bis 2018 Wagners Mammutwerk, den „Ring des Nibelungen“. Der Anfang ist gemacht, das Publikum hat „Das Rheingold“ bei seiner Premiere bejubelt. Es ist ein berauschendes Hörerlebnis. Die Nordwestdeutsche Philharmonie unter der Leitung von Frank Beermann spielt transparent, feinnervig und vital. Die Ausleuchtung des Farbenreichtums, die klangsinnliche Detailschärfe, lassen immer wieder aufhorchen. Das Orchester hat einen bedeutenden Anteil daran, dass das zweieinhalbstündige „Rheingold“ einen dramatischen Sog erzeugt. Perfekt ist auch die Balance zwischen Orchesterklang und Gesang. Die Sänger müssen keinen Druck machen, sie reiten die Klangwelle, fast jedes Wort ist zu verstehen.Anregende und hypnotische Videos Das beherrschende Bühnenbildelement ist ein roter Ring, ein Kreis im Quadrat des Guckkastens, das Objektiv, mit dem das Treiben der Rheintöchter, Götter und Riesen herangezoomt wird. Im Laufe des Abends sind in den Videos (Matthias Lippert) mit ihrem abstrakten Tanz der Formen neben Quadraten viele Ringe und Kreise zu sehen. Ein naheliegendes, visuelles Leitmotiv, aber auch etwas überreizt. Die Videos werden dezent eingesetzt, sind hypnotisch, manchmal dekorativ, oft anregend. Auf der begrenzten Spielfläche platziert Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann nur wenige Requisiten. Eine Wendeltreppe bringt Variation ins Spiel. Sie wird vor allem im ersten Bild genutzt, wenn Rheintochter Woglinde (kraftvoll lyrisch: Julia Borchert) lasziv darauf herumturnt und mit der im ersten Rang positionierten Wellgunde (Christine Buffle) und Floßhilde (Tiina Penttinen) den lüsternen Alberich umgarnt. Der entsagt der Liebe, raubt das Rheingold und schmiedet daraus den Ring, der Alberich „maßlose Macht“ gibt – über seinen Bruder Mime (kantig: Dan Karlström) und die Nibelheimer, die von Sechst- und Siebtklässlern des Ratsgymnasiums Minden gespielt werden. Heiko Trinsinger ist ein spektakulärer Alberich. Er lebt seine Rolle mit jeder Faser und leuchtet die Figur ausdrucksstark aus. Alberichs Fluch ist ein Gänsehautmoment. Die Kostüme sind grau, schlicht, dezent charakterisierend. Setzt der Regisseur doch auf Abstraktion und Zeitlosigkeit. Solide arbeitet er eng an Musik und Wort entlang, konzentriert sich auf die Figuren, deren Beziehung zueinander, aufs Menschliche. Es tut sich einiges im Wohnzimmer des Götterclans, den der selbstherrliche Wotan (etwas indisponiert, aber gut: Renatus Mészár) anführt, ein durchtriebener Bauherr, der die Handwerker nicht bezahlen will. Die Riesen nerven, zudem setzt ihm seine Frau Fricka zu, brillant sprachsensibel und feurig gesungen von Kathrin Göring. Geisel Freia (frisch: Julia Bauer) erweckt mitunter den Eindruck, sie würde gern mit dem verliebten Riesen Fasolt (energisch: Tijl Faveyts) durchbrennen. Apropos Feuer: Thomas Mohr ist grandios als Loge, lässig im Spiel, unangestrengt im Gesang, mit betörend timbriertem, kernigem Tenor und überragend deutlicher Aussprache.Evelyn Krahe hilft aus der Patsche Ein bisschen Zauber muss auch im Psychodrama sein. Gerd Heinz ließ sich vom japanischen Figurentheater inspirieren. Als Alberich sich verwandelt, sind Schlange und Kröte als bunte Stabpuppen zu sehen. Eher putzig als magisch. Wie ein Regie-Einfall nach hinten losgehen kann, zeigt die große Papphand mit Zeigefinger, die bei Erdas Auftritt aus dem Theaterhimmel herabfährt. Evelyn Krahe rettet die Situation und singt so eindringlich, dass sie den albernen Monty-Python-haften Fingerzeig vergessen lässt. Den positiven Gesamteindruck kann das kaum trüben. Es hat sich gelohnt, das Unmögliche zu wagen. Die Vorstellungen: „Das Rheingold“, 11. September (19.30 Uhr), am 13. September (18 Uhr), 18. September (19.30 Uhr) 20. September (16 Uhr) und 22. September (19.30 Uhr), ohne Pause.

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